Maeckes im Columbiatheater: der Grenzgänger findet sich

Maeckes official press photo

Maeckes ist nicht nur der Spitzname einer Fastfood-Restaurantkette, sondern auch das manisch-depressive Alter Ego eines Jungen aus der Nähe von Stuttgart. Der Junge ist heute 34 und sein böser Zwilling hat ihn die vergangenen mehr als zehn Jahre auf unzählige Bühnen geschickt und durch eine Vielzahl von Projekten getragen: innovativer Rapper an der Seite seines Freundes Plan B, mit der Hip-Hop-Boygroup/-Punkband Die Orsons und solo, Ausflüge in die Theaterwelt, Konzeptalbum mit der Soul-Sängerin Celina und zuletzt ausverkaufte Konzerte als Neo-Liedermacher mit Gitarre. Auf seinem neuen Album Tilt fasst der umtriebige Künstler nun all diese Ausflüge zu einem Ganzen zusammen. Entsprechend bunt war sein Konzert am Nikolaustag im Columbiatheater.

Die One-Woman-Band Alaxka

Als Supportact für die Tour hat Maeckes Alaxka (sprich: Alaska) engagiert: eine blonde, unauffällig schwarz gekleidete junge Frau, die uns als One-Woman-Band eine Art hausgemachten Electro-Dream-Pop serviert. Über schwelgerischen und leicht vertraut wirkenden Synthie-Sounds aus der Konserve spielt Alaxka schöne Keyboard-Einlagen, die meist eingängig sind, aber doch hier und da ein bisschen Freiheit suchen und nebenbei auf Klassik-Unterricht schließen lassen. Ihre angenehme helle Singstimme wird durch Effekte zu einer zitternden Computermoritat. Das ausverkaufte Columbiatheater nimmt Alaxka und ihr englischsprachiges Liedrepertoire mit schönen und melancholischen Momenten gut auf.

Ein Grinsen auf dem Gesicht, eine Träne im Auge

Dann entert ein gut gelaunter Markus Winter in gelbem Anzug und mit Drei-(Vier-Fünf-)Tage-Bart samt Band die Bühne und unsere 100-minütige Reise durchs Maeckes-Universum beginnt – in der Jetztzeit, mit Stücken vom neuen Album, die das Berliner Publikum bereits textsicher mitsingt. Und genau um den Inhalt geht es ja bei Maeckes.

Was die Texte des Baden-Württembergers mit Wurzeln in Österreich seit jeher ausmacht, ist die poetische Dichte und die unverschämte Weise, mit der sich bei ihm Schreckliches und Absurd-Lustiges abwechselt: „Ich steh im Zoo bei den Pandas / Nicht mal mein Minderwertigkeitskomplex ist so gut wie der von all den andern“ *Sitcom-Gelächter* oder der anrührende und sich kaum in eine Melodie pressen lassen wollende Refrain von „Urlaubsfotograf“: „Papa war kein rollender Stein, Papa war ein Stein / den man von Autobahnbrücken auf fremde Frontscheiben schmeißt / Dann, wenn die Polizei nicht mehr weiter weiß / Steigt man langsam herab und sammelt ihn wieder ein.“

Konzert im Konzert und Akustik-Session

So spielt sich die Band erst einmal durchs Tilt-Material (inklusive Kinderkeyboard-Solo beim gleichnamigen Lied). Gitarrist und Hauptarrangeur des neuen Albums Tristan Brusch gibt zwischenzeitlich auch zwei Sololieder zum besten (das „Konzert im Konzert“). Es handelt sich um eher süße Popsongs mit etwas abgegriffenen Metaphern. Sie nehmen im Programm aber keinen großen Platz ein und sind also, wie ich finde, weder bereichernd noch störend.

Etwas ruhiger wird es, als die Musiker zu Akustikgitarren und Rasseln greifen, um zwei Lieder – ganz wie auf den Gitarrentouren – mit minimaler Instrumentierung vorzutragen. Besonders warm angenommen wird „Unperfekt“: ein gekränktes Ich-bin-für-dich-nicht-gut-genug-Stück; gebrochener Stolz hockt selbstmitleidig in der Ecke. Ein bisschen seltsam ist mir, dass gerade dieses sehr intime Lied übe die Jahre ein kleiner Hit geworden ist und vor allem von den Damen laut mitgesungen wird.

Maeckes official press photo„Ich bin nicht Maeckes, nur der Verlierer vom Maeckes-Lookalike-Contest“

Von einer derart gesetzten Note muss man erst mal wieder wegkommen. Wie macht man das? Man geht zuerst von der Bühne und lässt vom Band eine „Fuck-Meditation“ laufen, die mit großem Schmunzeln Selbstoptimierungstrainern mit eingemeißeltem Grinsen den Finger gibt: „Atme tief ein… Du bist sehr unbeliebt. All deine Freunde sitzen gerade zusammen… und lästern über dich… Atme aus…“ Dann kommt man, als Hip-Hop-Maeckes verkleidet (Turnschuhe, Skinny-Jeans und weißer Kapuzenpulli) wieder zurück und rappt ein bisschen auf guten alten Beats. Bei „Graustufenregenbogen“ vom Vorgängeralbum Kids fliegen viele Arme zum Bouncen in die Luft. Andere fragen sich, in welcher Sekte sie hier gelandet sind.

Sogleich wieder fast forward: die Band kehrt zurück und gemeinsam wird u.A. der Orsons-Song „Jetzt“ gespielt. „Ich hoffe, ihr kennt alle Barteks, Tuas und Kaas’ Part“ grinst Maeckes, der die Strophen seiner Kollegen ohnehin auswendig kennt. Allerdings: zwei Kerle aus der ersten Reihe sind mutig, bekommen das Mikrophon hingehalten und bringen Tuas und Kaas’ 16 Zeilen jeweils ziemlich gut rüber. Der anwesende Orson strahlt und applaudiert.

Die Markus-Winter-Show

Es folgen einige weitere Songs (wobei Maeckes viel animiert und einmal glatt ein paar Meter über die ausgestreckten Hände des Publikums läuft).  Dann schließt sich der Bogen, in dem die Musiker noch einmal zu Tilt zurückkehren. Die Verlierer-Hymne „Loser“, getarnt als Radio-Pop-Song mit süßer Melodie, zeigt den Menschen, die das Alien Maeckes so gern bestaunt und beschreibt, ihre liebenswerte Beschränktheit; wer in irgendetwas gut ist – ob Physik oder Fußball – ist ein Gewinner. Wer in nichts gut ist, ist in unserem Denken also ein Verlierer. Ups, gibt wohl eine Menge Verlierer da draußen!

Nach einer Zugabe endet das Konzert, in das der experimentierfreudige Maeckes wirklich eine Menge Abwechslung eingebaut hat – mir war es fast zu viel! Bei den sehr unterschiedlichen Nummern gefiehl mir manches mehr als anderes. Ein wenig poppig ist „der Christian Schlingensief des Rap“, wie ihn mal jemand nannte, geworden. Aber seine Markus-Winter-Show ist definitiv sehenswert! Man wird einem Künstler begegnen, der den engen Rahmen des Sprechgesangs sprengt wie kaum einer hierzulande und immer wieder Mut beweist, wenn er sich und der Welt schonungslos den Spiegel vorhält.

Came to this world as a boy in the year of the Wheel of fortune. First discovered music through MTV and had a hard time when they went from music videos to ringtones and dating shows. I was part of the "Nu Metal generation", if you want to call it that, and am still in love with riffs and beats, although the Fred Durst days are far behind me (and everyone). Discovered poetry through music and went on to release a volume of poems myself in 2015. Happy to be part of the indieberlin crew since april 2016, thanks to a certain bookseller and music nerd who wouldn't like to be mentioned here.

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