Album Review: Bilderbuch mit Magic Life

Ein Leben in Bildern, ein verspielter Name, der Peter Pan des Musikbusiness: Bilderbuch. 2005 hätte wahrscheinlich niemand gedacht, dass es ausgerechnet eine Band aus Österreich ist, die den Deutsch-Pop mit ihrem Indie-Sound wieder zurück ins Leben holt. Fast zwölf Jahre später ist es ein viertes Mal so weit, denn Bilderbuch um Maurice Ernst (Gesang), Michael Krammer (Gitarre), Peter Horazdovsky (Bass) und Philipp Scheibl (Drums) haben am 17.02.2017 ihr Album Magic Life veröffentlicht.

Lässig alternative, sich auf keine gängige Szene eingrenzende und gleichzeitig tanzbare Musik, so kann man Bilderbuch vielleicht am besten beschreiben – und scheitert doch immer wieder daran, denn die Jungs wissen zu überraschen. Kaum einer Band gelingt es dazu, den Spagat zwischen deutschen und englischen Lyrics so spielend zu überwinden und gleichzeitig den Fokus darauf zu legen, wie was gesagt wird und nicht umgekehrt.

Für die einen ist es Krach, für die anderen Kunst

Nach einer kurzen Schaffenspause im letzten Jahr und drei vorangegangenen, höchst erfolgreichen Alben (2009 Nelken und Schillinge, 2011 Die Pest in Permont, 2013 Feinste Seide) haben die Vier aus Wien mit ihrer nun seit 2012 bestehenden Neubesetzung weitere vielversprechende, spannende und allem voran furiose dreizehn Songs herausgebracht.

Was für viele Bands schwierig ist, insbesondere dann, wenn sie einem so speziellen Genre angehören wie Bilderbuch, scheint den Österreichern locker von der Hand zu gehen. Erstaunlich und bewundernswert zugleich, ausverkaufte Hallen und ein neues Album sprechen für sich.

Einen Einblick in Magic Life konnten ihre Fans auf vergangenen Konzerten bereits bekommen. “Sweetlove”, “I<3Stress”, “Erzähl Deinen Mädels Ich bin Wieder In der Stadt” und “Bungalow” waren eine Überraschung für den bequemen Hörer, denn sie waren etwas völlig Neues, Unerwartetes und allem voran Kontroverses.

Mit Magic Life erwartet uns ein erwartet unerwarteter Wandel

Bilderbuch gelten seit jeher als verrückter, wiedererkennbarer und vor allem frischer Sound und der erste in deutscher Sprache, der sich vom Mainstream und Heimatstadl abgrenzt, wenn man von Punkrock absieht. Doch mit Punkrock haben die Österreicher wenig zu tun, musikalisch zumindest. Was ihren Sound, ihr Arrangement und den gewagten Stilmix aus Progressive, Art Punk, Indie, Hip Hop und Soulelementen angeht, können sie durchaus nicht nur als Pioniere sondern auch als Rebellen angesehen werden.

Auch Magic Life weiß zu überraschen, denn im Gegenzug zu den Vorgängern ist es trotz des treibenden, deutlich elektrolastigeren Sounds introspektiver, nachdenklicher und unbequemer. So soll es sein, so kann es werden, so wollten es Bilderbuch und so wie es ist, ist es nicht gut, es ist besser. Beim Hören merkt man sofort, dass die Jungs genau das machen, was sie gerade wollen – und dabei auch noch Spaß haben. Bilderbuch bleiben sich treu, indem sie das tun, was auch ihre Fans tun: Sie entwickeln sich weiter.

Was bringt uns Magic Life mit? Die Antwort ist einfach: Alles.

Eingeleitet wird Magic Life mit Carpe Diem, einem Intro, das sich bewusst minimalistisch gibt und uns mit einer entspannten Line an das Thema der Band für 2017 erinnert: Sonne, Strand und Urlaub. Ein Ausflug in eine neue Welt.  Und ein Stück weit auch eine klare Flucht vor der Realität.

Damit übernimmt I <3 Stress nach einem steilen Break die Reise ins Unbekannte und inszeniert sich mit seiner digitalisierten Form als tatsächlicher Stress, sowohl für Hörer als auch für Künstler. Jedoch ist dies nicht negativ zu werten, vermittelt der Song ähnlich dem vorangegangen Intro ein ganz eigenes, echtes Bild einer tabuisierten Empfindung und setzt damit die Geschichte des Albums fort. Ankommen tut man als Zuhörer zunächst auf dem Rummel, I <3 Stress bestreitet nämlich einen gewagten Drahtseilakt zwischen Pop, Indie Art und den Effektgeräten eines Fahrgeschäftes. Der Akt jedoch gelingt und die Assoziation ist melodisch wie auch thematisch wichtig. Textlich schwankt I <3 Stress zwischen Gosse, Gospel und High Society und damit genau zwischen den Gruppen, die man trifft, wenn man – laut Text – vom Leben gelangweilt ist und nach Action sucht. Action, die uns anschließend im Refrain überrollt.

Ein neuartiger Mix aus Experimentalmusik und Elektroakustik mit latent daoistischem Hauch und einem ungewöhnlich präsenten Bass erwartet uns in Sweetlove, der ersten Ballade des Albums. Erscheint sie vor allem zu Beginn ebenfalls etwas gewöhnungsbedürftig, so zeigt der Text erneut eine der Stärken von Bilderbuch: Keine deutschsprachige Band schafft es Englisch und Deutsch zu einem stil- und sinnvollen Text zu verweben, Bilderbuch schon. Die Lyrics sind simpel gehalten und für den Zuhörer macht es tatsächlich keinen Unterschied, welche der beiden Sprachen er kann, bevorzugt oder auch nicht, die Message von Sweetlove kommt an und wird mit Baba Pt.2 gekonnt abrupt zum fünften Song Bungalow übergeleitet.

Bungalow erinnert melodisch an die eine oder andere Souleinheit der Jahrtausendwende, versetzt mit dezenten Synthesizern und deutlicher Eignung zur Leadsingle. Erstaunlich ist bei diesem eingängigen, durch und durch tanzbaren Song mit Sommerfeeling das Spiel mit den Worten. Bungalows Text beinhaltet die mit Abstand nichtigste Alltäglichkeit und doch schaffen Bilderbuch es den Hörer damit an sich zu binden. Bungalow ist ein kleines Meisterwerk, ein Ohrwurm und hat dazu noch deutliches Remix-Potential.

Musikalisch nicht ganz der Hit ist Spirit N‘ Soda. Allerdings hat die Art-Pop-Nummer eine andere Seite zu bieten: Spirit N‘ Soda ist quasi das Gegenteil seines Vorgängers Bungalow, denn hier wird das Zuhören weniger vom Beat als viel mehr von der Thematik eingefordert. Wer sich mit dieser bei Spirit N‘ Soda auseinandersetzt, dem geht der Song unter die Haut. Er nimmt Bezug zu den vorangegangenen Liedern und wirkt beinahe wie eine kleinen Reflexion der Band, während einem Mantra gleich immer und immer wieder die Zeile “Hast du noch Sprit” wiederholt wird. Was das zu bedeuten hat und ob man mit seiner ganz eigenen Interpretation richtig liegt, werden wir wohl nicht erfahren. Allerdings kann man bei dem geradlinigsten Song des Albums davon ausgehen, dass wir ausreichend Spielraum haben (dürfen).

Nachdem wir von der ersten Hälfte des Albums beinahe überrollt wurden, erwartet uns mit Erzähl Deinen Mädels Ich Bin Wieder In Der Stadt eine melancholischere, schwerere Nummer. Der Souleinfluss, von dem Bilderbuch gesprochen hatten, ist deutlich hörbar und lässt uns mit Erzähl Deinen Mädels … wieder begreifen, dass wir nicht nur eine CD in der Hand halten sondern tatsächlich einen Bildband. Erzähl Deinen Mädels … handelt von Fernweh, Fremde und Grapefruits, ja. Gleichzeitig ist es jedoch der große Bogen zu Carpe Diem, ganz so als würden die Jungs wieder daheim sein und uns oder besser gesagt Wien von der großen weiten Welt erzählen wollen. Hatten die vorangegangenen Songs immer etwas von Urlaubsfeeling und einem unterschwelligen Treiben nach vorne, so möchte Erzähl Deinen Mädels … ankommen ob daheim, bei der Liebsten oder in der Realität. Es möchte ankommen und sich nach diesem verrückten Roadtrip der vergangenen zwanzig Minuten wohlfühlen.

Tatsächlich endet die Geschichte aber selten mit einem Happy End, sondern bietet nur eine Verschnaufpause, ganz wie das echte Leben. Mit SUPERFUNKPARTYTIME geht es nämlich doppelt so schnell und vollgepumpt mit schier endloser Energie wieder hinaus auf die Straße. SUPERFUNKPARTYTIME ist eine fetzige Feiernummer, die sich in den Köpfen festsetzten wird. Ähnlich wie Bungalow hat der achte Song von Magic Life schnell einprägsame Lines und Texte. Ein klarer Dancesong, welcher sicherlich schnell in den Clubs der Stadt ankommen wird und mit Party Rock Anthem – Vibes lockt.

“Mein siebtes Investment bist du” Ein Song, den man selbst erfahren muss. Mit Herz. Viel Herz. Investment 7 ist die Kitschballade, die nicht fehlen darf, und macht sich durch das neue Bilderbuch-Arrangement zu etwas so Skurrilem und Einzigartigem, dass es von jedem Hörer anders aufgenommen werden wird, ehe Magic Life uns aus der Starre weckt und als gleichnamiger Song den zweiten Bogen zu Carpe Diem und damit auch zu Erzähl Deinen Mädels Ich Bin Wieder In Der Stadt schlägt. Anders als bekifft, besoffen und müde aber glücklich kann man Magic Life nicht beschreiben – und dabei über die Jungs schmunzeln.

Track 11 Baba ist ein bisschen so wie der Abend vor der Rückreise. Wenn man sich vom Beat treiben und den seichten Text auf sich wirken lässt, so landet man schnell in Havanna mit Locken, Hut, einer verschlissenen Jeans und einem lauwarmen, halb ausgetrunkenen Bier in der Hand unterwegs nach Hause von der Party, die im Club begann und am Strand geendet hat. Jedoch ist es keine müde, es ist eine zufriedene Stimmung. Das Bewusstsein, dass etwas gut wird. Was, das bleibt offen. Der Schlaf, der Flug heim oder gar die Realität, die einen spätestens Morgen einholen wird. Es ist ein positiver, vorzeitiger Abschied. Keiner für immer, sondern die Art von Abschied, die Sicherheit verspricht: Wir sehen uns wieder. Instrumental sticht bei Baba vor allem das Gitarrenriff heraus, es lohnt sich genau hinzuhören.

Sneakers4free der letzte Song von Magic Life erinnert an Bilderbuch von 2013 im Gewand von 2017. Instrumental kommt die Band hier mehr hervor als in den bisherigen Nummern. Thematisch scheinen die Jungs zwischen Ernst, Wortwitz (Frink!) und Parodie hin und her zu springen und manövrieren uns gekonnt ans Ende ihres neusten und wohl kontroversesten Werkes.

Der Zusatzsong Babylon war uns verfügbar und wir sind wirklich froh darüber, denn es war mit Bungalow und Erzähl Deinen Mädels Ich Bin Wieder In Der Stadt einer der stärksten und prägnantesten Stücke von Magic Life. Babylon greift sowohl instrumental als auch textlich ein ernstes Gesellschaftsthema und Drehpunkt unzähliger Debatten witzig auf und gibt dem ermüdenden Streit der Religionen eine freundliche, entspannte Lösung vor, auf die höchstens einst Yann Martels „Schiffbruch mit Tiger“ gekommen ist – umständlich und lang. Bilderbuch schaffen das Gleiche in knapp vier sympathischen Minuten.

 

Fazit: Wer Bilderbuch kennt, wird wahrscheinlich zwei Mal hinhören müssen, denn die Österreicher haben keine neue Richtung eingeschlagen sondern eine kreiert. Eine gewöhnungsbedürftige, eine ungewohnte und sicher eine, über die diskutiert werden kann. Auf jeden Fall jedoch eine, die es wert ist gehört zu werden.

Wie hat euch Magic Life von Bilderbuch gefallen? Lasst uns doch einen Kommentar da, wir sind gespannt!

 

Artikel von: Nina Zakrew

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