Pixies: Das wundervolle Berlin-Konzert am 18.07.2016

Pixies indieberlin konzertbericht Zitadelle Spandau Juli 2016

If Grunge is five and Indie is six…

…then Pixies are seven. Die 1986 gegründete Gruppe um Charles Michael Kittridge Thompson aka Black Francis aka Frank Black erlangte selbst nie so etwas wie Weltruhm, gilt aber als Wegbereiter des Grunge und Alternativ-Rock und wird von zahllosen Bands als wichtiger Einfluss genannt.

Nach vier Alben trennte sich die Band 1993, auf dem Höhepunkt des Grunge-Booms, aufgrund interner Streitigkeiten. Nach einer zehnjährigen Bandpause, in der die einzelnen Musiker verschiedenen Soloprojekten nachgingen, gab es 2003 eine Reunion und ab da wieder gelegentliche Tourneen.

Es dauerte immerhin weitere zehn Jahre, bis die Pixies neues Material veröffentlichten. Zum gleichen Zeitpunkt, 2013, stieg dann Bassistin Kim Deal aus und wurde durch Paz Lenchantin ersetzt, die bereits u. a. mit Tool und Queens of the stone age zusammengearbeitet hatte. In dieser Konstellation hat die Kultband offenbar neue Inspiration gefunden. Im September erscheint mit Head Carrier wieder ein neues Album. In der Zitadelle darf man sie heute schon mal live erleben.

Ein Hauch von Gestrigkeit

Bei warmen Temperaturen strömen am Montag Abend Scharen von Rockfans in schwarzen Band-Tshirts in die Zitadelle. Bereits um 19 Uhr eröffnen Lush, deren Geschichte der der Pixies nicht unähnlich ist: von 1988 – 1998 feierte das britische Quartett um Frontfrau Miki Berenyi in England kleinere Erfolge mit clubtauglichen Rocknummern, bei denen adoleszent-widerspenstige Texte mit süßen Melodien über schnodderig geschrammelte Akkorden gleiten. Nach langer Auszeit haben sich Lush letztes Jahr wiedervereinigt – noch eine reaktivierte Band aus der Zeit des musikalischen 80er/90er-Umbruchs. Scheint als Vorprogramm doch gut zu passen.

Doch was in England sicher ein passendes Schmankerl ist, funktioniert in Deutschland, wo die Band heute kaum noch bekannt ist, nur sehr bedingt. Da hier das kollektive Gedächtnis fehlt, die Lieder nicht wie manch andere aus der Grunge-Zeit Größe dadurch gewinnen, dass sie für etwas stehen, ist das Dargebotene – leider – wenig interessant. Es wird mitgenickt und mit dem Fuß gewippt, aber der Funke springt nicht so recht über. Eine so einfache Musik muss von Persönlichkeit leben, von Seele, wie es bei Nirvana der Fall war. Lush wirken nach der Hälfte ihres Sets leider selbst etwas unmotiviert. Trotzdem haben sie für den Rest des Abend schon mal den richtigen Ton gesetzt.

Die Anti-Stars

Nach angenehm kurzer Umbaupause, in der sich der Platz vor der Bühne vollends gefüllt hat, schlendern dann die Pixies auf die Bühne, als spazierten sie gemeinsam durch den Park, völlig unaufgeregt und ohne große Geste. Black Francis in schwarzem Anzug und mit Brille sieht tatsächlich eher wie der Gastgeber einen feinen Gesellschaft denn wie ein Rockstar aus. Aber als Stars wollen die Pixies nun auch wirklich nicht wahrgenommen werden. Sie verlangen keinen Applaus dafür, dass es sie schon so lange gibt. Mit einer enormen Professionalität, die bisweilen auch mal kühl wirken kann, reihen die Pixies einen Drei-Minuten-Song ihres Repertoires an den nächsten, ein bisschen wie auf Autopilot. Ansagen gibt es keine.

Beim hymnischen „Monkey gone to heaven“ erklingen die ersten Publikumschöre, fortgesetzt beim wunderschönen „Velouria“. Geradlinige, melodische Songs wie diese, denen durch die gehämmerten Powerakkorde eben doch etwas Rauhes innewohnt, wechseln mit verrückteren Nummern, in denen Black Francis mal ganze Passagen schreit, mal Prosa-Strophen wie Gedichte aufsagt. Die Texte sind voller teils mysteriöser Sinnbilder und haben nicht selten etwas von modernen kleinen Märchen, deren Moral zwischen den Zeilen zu suchen ist.

Gitarrist Joey Santiago unternimmt ein einziges ausgedehntes Solo – und verfolgt damit eher den Zweck, sich über die pompösen Gitarrensolos mancher Rockgiganten lustig zu machen; erst trommelt er erratisch auf die Saiten ein, dann stöpselt er sein Instrument aus und fabriziert Geräusche mit dem Signal des Steckers, indem er sich damit z. B. die Arme rauf und runter fährt oder sich den Kopf kratzt – Hauptsache keine langweilig-traditionelle Solo-Technik.

Die Freiheit nach den Evergreens

Nach ungefähr zwei Dritteln des Konzerts erklingen dann die Akustik-Akkorde von „Where is my mind?“, dem Song vom ersten Album der Pixies, den David Fincher 1998 zu einem Untergrund-Hit machte, indem er ihn für die Schlusssequenz und den Abspann seines Films Fight Club verwendete. In Bob Dylan-Manier verzerrt Francis Black die Singmelodie des Stückes, zieht Vokale lang, setzt Pausen, variiert, und vereitelt so das Fußballstadionmäßige Mitsingen eines Songs, der genau so auch auf CD zu hören wäre. Arme wiegen in der Luft, Menschen umarmen sich oder schunkeln. Zum Ende des Liedes treten die Musiker auf der Bühne nah aneinander, verständigen sich mit Blicken und lassen „Where is my mind?“ in ihre Beatles-ähnliche Tanznummer „Here comes your man“ übergehen, setzen der großen Hymne (an was eigentlich?) gleich etwas Leichtes hinterher.

Und jetzt, da ihre bekanntesten Stücke gespielt sind und sie sich von ihnen praktisch „befreit“ haben, bringen die Pixies nochmal knapp 30 Minuten lang ihr härteres Material, darunter viele Songs ihrer ersten EP Come On Pilgrim. Spätestens jetzt wird vor der Bühne ausgelassen getanzt und das genaue und ehrfürchtige Beobachten einer „alten Kultband“ weicht für manche der puren Freude am Pogen und Springen.

Nach dem Ende des geplanten Sets verlässt die Band unter anhaltendem Applaus die Bühne. Da wir uns nicht beruhigen wollen, kehren die vier Musiker noch für einen einzelnen Extrasong zurück. Dann ist wirklich Schluss. Man muss sagen: mehr ging auch allmählich nicht mehr, da die Pixies in 100 Minuten gefühlte (!) 40 Lieder gespielt und uns also wirklich gut bedient haben. Das war heute Abend mehr als Nostalgie: die Pixies leben! Aufs neue Album darf man sich freuen.

Came to this world as a boy in the year of the Wheel of fortune. First discovered music through MTV and had a hard time when they went from music videos to ringtones and dating shows. I was part of the "Nu Metal generation", if you want to call it that, and am still in love with riffs and beats, although the Fred Durst days are far behind me (and everyone). Discovered poetry through music and went on to release a volume of poems myself in 2015. Happy to be part of the indieberlin crew since april 2016, thanks to a certain bookseller and music nerd who wouldn't like to be mentioned here.

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