Joris im Interview

Joris

“Ich weiß nicht, ob das ewig so weitergeht, aber im Moment sind wir natürlich auch total überrascht, dass so viele Leute kommen und da so eine tolle Stimmung ist. Das ist ja nichts Selbstverständliches für uns.”

indieberlin: Mir ist Dienstag deine Ansage aufgefallen, du hättest vier Jahre an deinem Album gearbeitet. Bist du so ein Perfektionist?

Joris: Ich habe vier Jahre an dem Album geschrieben. Fragmente nehme ich immer zwischendurch auf, dann sitze ich nachts an meinem Klavier oder an meiner Gitarre und dudle vor mich hin. Wenn ich die richtigen Geschichten dazu in meinem Kopf habe, nehme ich die Fragmente wieder und baue mir meine Songs daraus zusammen. Manchmal, wie bei Im Schneckenhaus, schreibe ich einen Song aber auch an einem Tag, weil etwas Krasses in meinem Leben passiert ist. Es ist also ganz unterschiedlich.

“Es ist ganz klar ein Soloprojekt, aber die Jungs waren von Anfang an mit dabei.”

Aber ja, ich habe vier Jahre für mein Debütalbum gearbeitet und war anderthalb Jahre im Studio. Und das ist natürlich auch schon Luxus, von dem ich immer geträumt habe. Genau so wollte ich das aber auch immer schon machen. In ist es ja eigentlich eher, eine Single oder EP zu machen – ich wollte immer ein Album machen. Vor zweieinhalb Jahren habe ich dann konkret den Entschluss dazu gefasst und meine Band gefunden. Es ist ganz klar ein Soloprojekt, aber die Jungs waren von Anfang an mit dabei. Wir haben uns also zusammengesetzt und versucht meine Musik umzusetzen. Dann habe ich meine Produzenten kennen gelernt und wir sind hier ins Studio gekommen. Ich war dann Tag und Nacht hier und habe daran arbeiten dürfen.

“Ich bin schon ein bisschen Nerd in manchen Sachen.”

Ich bin schon ein bisschen Nerd in manchen Sachen: Ich bin sehr detailverliebt und verliere mich dann auch gerne in den letzten Details. Ich glaube Musiker sind oft so: eigentlich könntest du immer noch etwas machen, es gibt immer noch irgendwelche Ideen, die sofort wieder reinkommen. Aber so, wie Hoffnungslos Hoffnungsvoll jetzt geworden ist, bin ich total zufrieden. Das ist mein Album, meine Musik, so wie sie klingen muss für mich. Und das ist ein total geiles Gefühl.

indieberlin: Ich fand es auffällig, sowohl auf dem Album als auch auf dem Konzert, dass der Sound sehr stimmig, sehr durchdacht wirkte und nicht irgendwie zufällig. Es hat mich oft an U2 oder Coldplay erinnert. Ist das die Richtung, in die du gehen wolltest?

Joris: Ja, ich möchte schon gerne einen internationalen Klang in meiner Musik haben. Ich habe mein ganzes Leben lang immer nur englischsprachige Musik gehört, habe eigentlich auch immer nur auf Englisch geschrieben. Mit fünf angefangen Schlagzeug zu spielen, zu einer Live-CD der Blues Brothers. Zwei Jahre später habe ich angefangen Klavier zu spielen. Dann habe ich angefangen Gitarre zu spielen, zu singen, selbst aufzunehmen. Dabei bin ich immer von englischer Musik beeinflusst worden.

“Ich bin in Amerika zur High School gegangen und habe da ganz viel Folk und Blues mitgenommen.”

Ich bin in Amerika zur High School gegangen und habe da ganz viel Folk und Blues mitgenommen und vor allem diese Ehrlichkeit von Songs kennen gelernt. Der Sound ist also sehr englisch, weil ich einfach englische Musik sehr gerne mag. Ich habe aber mittlerweile für mich entdeckt, was auf der Hand liegt – deutsche Texte – die geben eine unglaubliche Energie. Zum Beispiel Im Schneckenhaus am Dienstag – da konnte man echt die Lüfter vom Lido hören. Das würde man sonst niemals hören. Das ist einfach eine Energie, die mich total beflügelt und die mir nur das Deutsche so gibt.

“Ich versuche den englischen Sound, rough und mit Kanten, mit deutschen Texten zu kombinieren.”

Das heißt, ich versuche den englischen Sound, rough und mit Kanten, mit deutschen Texten zu kombinieren. Ich werde natürlich auch oft gefragt, mit welchen deutschen Künstlern ich mich vergleiche, aber eigentlich gibt es die meisten Vergleiche zu internationalen Künstlern.

Und das finde ich total geil. Ich habe immer nur englische Musik gehört, und jetzt kommen diese Vergleiche… Coldplay und U2, das ist natürlich teilweise auch ein bisschen beliebig, aber was ich an Coldplay zum Beispiel schätze ist, dass jede Platte komplett neu erfunden ist. Es ist harmonisch eigentlich immer krass ausgearbeitet und trotzdem wird es sowohl von ganz normalen Leuten als auch vom detailverliebten Musiker gehört…

indieberlin: …eben Popmusik…

Joris: Ja, weiß ich nicht. Es gibt viel Popmusik, die wesentlich beliebiger ist, glaube ich.

Ich meine gute Popmusik. Die Beatles waren ja auch genauso künstlerisch anspruchsvoll wie massentauglich. Und trotzdem nicht beliebig.

“Von vorneherein zu denken „Popmusik sollte…“, ist für mich der falsche Ansatz.”

Joris: Aber Popmusik ist ein Stempel, der Musik im Nachhinein aufgedrückt wird. Ich würde niemals so herum darangehen, dass ich sage: „Okay, ich möchte jetzt Popmusik machen.“ Ich mache die Musik so, wie sie aus mir herauskommt. Und dann kommt der Stempel Popmusik. Von vorneherein zu denken „Popmusik sollte…“, ist für mich der falsche Ansatz.

indieberlin: Was sind deine musikalischen Einflüsse? Was hörst du so oder hast du immer schon gehört?

Joris: Ich habe auf jeden Fall ganz viele Einflüsse. Wie gesagt, fast ausschließlich englische Musik. Ich glaube als Musiker ist es unglaublich wichtig, dass man ganz viel Musik hört. Ich habe angefangen zur Live-CD der Blues Brothers Schlagzeug zu spielen… es gibt so viel… The Head And The Heart, kennst du die? Aus Seattle, ein bisschen folkig, richtig gut produziert. Phoenix habe ich früher rauf und runter gehört.

“Paolo Nutini, stimmlich eine total große Inspiration für mich.”

Ich habe viel die alten Coldplay-Sachen gehört. Paolo Nutini, stimmlich eine total große Inspiration für mich. Das erste Mumford and Sons-Album. Es war gerade Sommer, als ich das gehört habe, beim Grillen, am See… es gibt so viel. Angus and Julia Stone finde ich in letzter Zeit super.

indieberlin: Das, was man hört, beeinflusst ja eigentlich auch immer das, was man schreibt. War das bei deinem Album auch so?

Joris: Ich habe so viele Inspirationen. Aber am Ende des Tages habe ich die letzten Jahre gerade im Studio rechts und links komplett ausgemacht. Wenn du da zu viel Musik hörst, ist das zu gefährlich, dass man unterbewusst Sachen erfindet, die man aber eigentlich schon einmal gehört hat. Deswegen habe ich mich im Studio nur auf das konzentriert, was ich wollte. Aber das hat sich im Laufe der Zeit natürlich noch sehr stark weiterentwickelt.

Ich bin mit Bands aufgewachsen, die alle sehr harmonisch und melodisch sind, so dass das auch in mir verankert ist. Und ansonsten ist natürlich so, wie gesagt, dass der Sound schon manchmal rough und kantig ist, nicht bis ins Letzte ausproduziert, im Sinne von aufgeblasen.

“Ich finde, die Ehrlichkeit macht es aus.”

Ich finde, die Ehrlichkeit macht es aus, die Ehrlichkeit ist auch das, was die Konzerte auch so besonders gemacht hat. Ich habe mich am Anfang gefragt, ob ich das überhaupt machen kann. Fünf Minuten zwischendurch eine Geschichte zu erzählen. Aber es war nie so, dass das gekippt ist und die Leute sich zwischendurch Getränke geholt haben. Es war unglaublich familiär. Es war in dem Moment so, dass ich das erzählen wollte und wusste, dass das okay ist.

Weil es auch live so intim und ehrlich ist. Musik muss ehrlich sein. Die Musik kommt so genau aus mir raus, wie ich sie schreibe. Ich heiße im echten Leben auch Joris, es läge mir nichts ferner, als einen Künstlernamen anzunehmen. Das bin ich. Das ist zuweilen natürlich sehr nackt, aber so ist es dann eben. Ich glaube, das macht es irgendwie aus.

indieberlin: Bist du denn auf der Bühne wirklich genauso, wie du auch sonst bist oder ist es schon so, dass die Bühne einen verändert?

Joris: Ja klar, man muss sich anders verhalten auf der Bühne. Insofern, als dass man da vor Leuten steht und singt. Das mache ich ja bei mir zuhause nicht [grinst] und deswegen ist man natürlich schon ein bisschen anders. Aber ich glaube ansonsten, wenn ich etwas erzähle zum Beispiel, dann bin ich genauso wie jetzt auch.

indieberlin: Aber du hast schon irgendwie Entertainer-Qualitäten auf der Bühne, die hätte ich nicht erwartet, nachdem ich das Album gehört habe, das ja eher introvertiert ist.

“Die wissen, dass ich so bin, wie ich da stehe.”

Joris: Ich mag das auch. Ich genieße das alles gerade. Und ja, deswegen bin ich vielleicht auf der Bühne manchmal ein bisschen glückstrunken oder will dann auch unbedingt bestimmte Sachen erzählen, aber irgendwie kaufen mir die Leute das auch immer ab. Die wissen, dass ich so bin, wie ich da stehe.

“Ich durfte immer mein Ding machen.”

Ich bin so wie ich bin und würde mich niemals verstellen. Ich durfte immer mein Ding machen. Ich habe in jedem Bereich am Ende die Entscheidungen getroffen, auch was das Label angeht und so weiter. Das sind meine Entscheidungen. Und ich würde es genauso machen, wenn es jetzt gerade nicht so gut laufen würde.
Aber die ganze Tour war ausverkauft, das war ein Wahnsinn. Ich habe ursprünglich diese Tour spielen wollen, weil wir im Sommer einige große Festivals spielen.

Natürlich nicht als Headliner, aber ich habe trotzdem gesagt, dass ich nochmal ein Live-Gefühl entwickeln wollte, nachdem ich aus dem Studio raus war, damit ich nicht hinterher auf einem Festival auf einer Riesenbühne stehe und nicht weiß, wie man sie füllt. Ich habe dann irgendwann darum gebettelt, dass ich eine kleine Clubtour spielen darf, aber alle haben gesagt, dass das schwierig wird, weil die Leute mich eben noch nicht kannten. Aber weil ich so genervt habe, haben sie irgendwann gesagt „okay, machen wir.“ Und jetzt waren die Konzerte ausverkauft und wurden reihenweise in größere Locations verlegt, das war der Wahnsinn.

” Das war schon gigantisch, das ganze Gefühl. Deswegen habe ich es auch zu hundert Prozent genossen.”

Ich wusste nicht, wie das wird. Ich hatte sowas vorher noch nie gemacht. Die Leute konnten oft mitsingen, das war schon gigantisch, das ganze Gefühl. Deswegen habe ich es auch zu hundert Prozent genossen.

Jeder Abend war anders: in Berlin waren es eher Mädels, in Hamburg eher Erwachsene. Es gab immer ein anderes Publikum, es wurde immer auf andere Songs reagiert. Das hat es einfach enorm spannend gemacht. Es ist einfach eine tolle Sache, wenn du jeden Abend komplett andere Leute vor dir hast und merkst, dass jetzt nicht alle nur auf den Hit warten. Wir haben ja auch musikalisch kompliziertere Sachen im Set, vorher habe ich gedacht, dass wenn die Leute nur wegen „Herz über Kopf“ kommen, dann könnte das schwierig werden. In Berlin ist es ja generell immer noch ein bisschen anders…

indieberlin: … inwiefern?

Joris: Berlin hat den großen Vorteil, dass es hier unglaublich viel gute Livemusik gibt. Die Leute sind am Anfang immer eher ein bisschen abwartend. Nun war das hier in Berlin auch meine sechste Show am Stück, ich war schon ein bisschen kaputt, aber es hat dann doch relativ schnell gut funktionert.

Leipzig, zum Beispiel, am Abend vorher, war doppelt so groß und die Leute waren von vorne bis hinten auf Party aus, voll dabei und es war nochmal ganz anders. Und es gibt Sachen wie Wiesbaden, wo es die ganze Zeit mucksmäuschenstill war, wo wir deshalb auch andere Songs gespielt haben, weil wir gemerkt haben, dass da gerade irgendwie mehr so Film Noir angesagt war.

Das ist halt schön, man hat immer irgendwie etwas anderes, immer ein volles Haus. Man muss das einfach genießen. Ich glaube aber, dass ich mir zum Beispiel auf einem Festival vorher schon sagen muss, dass ich mich anders verhalte, weil mich die Leute eben nicht kennen.

“Es ist schon wichtig, dass man weiß, wer da jetzt steht und wer dir zuhört.”

Es ist schon wichtig, dass man weiß, wer da jetzt steht und wer dir zuhört. Ich kann nicht als erstes auf einem Festival eine lange Geschichte erzählen. Dann würden die Leute alle gehen oder fragen: „Was ist denn mit dem Typen los?“ Man muss ein Gespür dafür entwickeln. Das tue ich gerade und finde es total spannend.

indieberlin: Was ich auch interessant fand, war die Chemie zwischen dir und der Band. Oft bist du ja zu einem von deinen Bandkollegen hingegangen und ihr habt zusammen Show gemacht. Wie bist du auf die Jungs gekommen?

Joris: Ich habe zum ersten Mal bei der Zusammenstellung der Band auf das Richtige, nämlich auf das Zwischenmenschliche geachtet. Wir fahren die ganze Zeit zusammen in einem Sprinter und zwar echt lange. Wir fahren jeden Tag vier Stunden oder so. Dann bauen wir gemeinsam auf, stehen gemeinsam auf der Bühne, bauen danach wieder ab.

Man verbringt unheimlich viel Zeit zusammen, ohne das zu machen, was man eigentlich machen will, nämlich Musik. Und ich habe zum ersten Mal darauf geachtet, dass vor allem das Zwischenmenschliche funktioniert.

“Ich habe auch sehr darauf geachtet, dass wir zueinander passen.”

Die können ihre Instrumente natürlich alle super spielen, aber ich habe auch sehr darauf geachtet, dass wir zueinander passen. Das ist so viel wert, dass ich da so rum herangegangen bin, dass wir uns mögen, dass wir uns aufeinander verlassen können, wenn mal etwas schwierig ist. Das ist gigantisch.

indieberlin: Also auf jeden Fall mehr als nur ein professionelles Verhältnis?

“Die Jungs waren von Anfang an dabei.”

Joris: Auf jeden Fall. Die Jungs waren von Anfang an dabei. Vor zweieinhalb Jahren wollte ich das Album schreiben. Ich habe mich mit meinem Schlagzeuger getroffen und wir haben beide festgestellt, dass wir beide auch mal rhythmisch kompliziertere Sachen ausprobieren wollten und unbedingt zusammen Musik machen wollten.

Wir haben dann beide Freunde gefragt und die Band dadurch ergänzt und weiter ergänzt und es war von Anfang an unglaublich homogen. Die waren von Anfang an mit dabei, obwohl es damals noch nichts gab, an das man glauben konnte, noch keinen Erfolg oder so etwas. Wir wollten einfach zusammen Musik machen.

Und dann sind wir ins Studio gegangen und die Jungs haben an meine Musik geglaubt. Es ist einfach unheimlich homogen und macht unglaublich viel Spaß. Wir haben diese ganzen Schritte zusammen erlebt – auch wenn die jetzt nicht dabei sind, wenn ich meine Interviews mache – und ich glaube, das merkt man auch auf den Konzerten. Dass wir uns gerne mögen, dass wir es gerade lieben zusammen zu spielen.

Ich weiß nicht, ob das ewig so weitergeht, aber im Moment sind wir natürlich auch total überrascht, dass so viele Leute kommen und da so eine tolle Stimmung ist. Das ist ja nichts Selbstverständliches für uns.

indieberlin: Deine Clubtour ist jetzt ja erstmal vorbei. Hast du jetzt vor der Festivalsaison noch ein bisschen Zeit zum Relaxen?

Joris: Heute habe ich noch ein paar Interviews, das finde ich auch immer spannend, wenn man mal über seine Musik quatschen darf und dann beginnen wir in anderthalb Wochen schon mit den ersten Festivals und haben noch ein paar Radiosachen dazwischen. Es ist immer etwas los, immer etwas anderes. Das macht es total spannend. Ich hatte erst die Studiophase, dann kam jetzt die Tourphase, jetzt kommen die Festivals und im Herbst geht es dann mit der Tournee weiter. In Berlin dann im Postbahnhof, glaube ich.

Interview von Malte

Noel Maurice is one of the founders of indieberlin. Originally from the UK via a childhood in Johannesburg, he has been resident in Berlin since 1991. Describing himself as a 'recovering musician', he is the author of The Berlin Diaires, a trilogy detailing the East Berlin art and squat scene of the early 90s, available on Amazon and through this site.

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