CD-Kritik: Tom Schilling and The Jazz Kids – „Vilnius“

Tom Schilling - Credit Stefan Klüter

Für sein erstes Album hat man ein ganzes Leben Zeit. Schauspieler Tom Schilling, 35, überrascht mit der Veröffentlichung eines Songwriter-Albums irgendwo zwischen Brecht und Nick Cave.

Auf „Vilnius“ gibt es dramatische Kurzgeschichten über Liebe und Tod. Schillings Protagonisten sind Melancholiker, Zweifler und Randexistenzen. Nicht jeder Song geht unter die Haut. Trotzdem ein bemerkenswertes musikalisches Experiment, das auf weiten Strecken überzeugt.

Über den Film zur Musik

Um das Jahr 2000 herum schenkte Filmassistent Jan-Ole Gerster Tom Schilling eine Gitarre. Der erlernte das Instrument in den folgenden Jahren „nebenbei“ im Alleingang und brachte sich dann auch noch das Klavierspielen bei. 2012 beendete Jan-Ole Gerster sein Filmstudium und engagierte Schilling für seine erste Regiearbeit, die Tragikomödie Oh Boy über einen unsicheren, lebensverlorenen jungen Studenten in Berlin.

Für die Filmmusik engagierte Gerster eine Band, die sich fortan The Jazz Kids nannten. Und so kam es, dass sich der Schauspieler Schilling schon vor langem mit den Musikern anfreundete, mit denen er nun letztes Jahr in aller Stille ein Musikalbum aufgenommen hat.

Tom Schilling and the Jazz Kids - Credit Alexandra Kinga FeketeWas lange wärt…

Und wie klingt das nun? Wie Revue-Nummern aus dem Berlin der 20er Jahre, aufpoliert für 2017, mit Rock- und modernen Singer-Songwriter-Einflüssen.
Die zehn Lieder sind gekonnt stilvoll arrangiert und ihre Reihenfolge respektiert alle Regeln der Album-Dramatik.
Dass die Titel über einen ungewöhnlich langen Zeitraum von 11 Jahren entstanden sind, in der der Interpret das Spielen erst noch lernte, hört man dem Endprodukt nicht an. Produzent Moses Schneider hat durch die Schaffung einer dichten Atmoshäre seinen Teil dazu beigetragen.

Schillings Texte sind von klassischer Wortwahl und Bildsprache und könnten wohl genau so gut vor vierzig Jahren geschrieben worden seien. Die Lieder gewinnen durch ihre Zeitlosigkeit zusätzlichen Charme. Die Worte erzählen nicht nur Geschichten, sie klingen auch gut, soll heißen, sie scheinen auch ohne Musik schon Rhythmus zu haben.

Tom Schilling & The Jazz Kids Album Vilnius CoverSeine Stimme finden

Als Sänger weist Schilling hohes musikalisches Verständnis auf, zeigt sich aber trotzdem nicht immer souverän. Bemerkenswert gut beherrscht er Nuancen und Wendungen, versteht er es, einem Lied Identität zu geben. Seine gesangliche Leistung steht dahinter leider ein wenig zurück.
Im Duett „Ja oder Nein“ klingt er neben seiner Gesangspartnerin teilweise, ja, hölzern und beim mutigen, aufrechten Liebeslied „Schwer dich zu vergessen“ bleibt die große Emotion stimmlich eher aus. Schließlich klingt Schillings heller, eher jungenhafter Gesang in der abgründigen Großstadtballade „René“ doch einfach zu nett, wodurch die sich textlich steigernde Dramatik irgendwo auf halbem Wege verloren geht.

Unvermutete Coverversion

Eine Überraschung auf dem ansonsten unpolitischen Album ist ein Cover des bekannten Protest-Lieds „Kinder“ von Bettina Wegner. Auf Percussions wird ein leiser Rhythmus getrommelt, auf einer E-Gitarre mit klarem Klang werden dazu ohne jeden Aufwand die Akkorde gestrichen. Es wirkt wie eine intime Studiosession, eine Gesangsprobe vielleicht. Interessant unvollendet klingt der Song auf diese Weise und die Gesangsadaptation eher traurig als wütend. Ein kleines Kunststück, sich ein derart bekanntes Lied zu eigen zu machen, muss man sagen.

Mit „Vilnius“ haben sich Tom Schilling & The Jazz Kids eine kleine Welt geschaffen. Was musikalisch durchaus überzeugt, ist teilweise lyrisch und gesanglich noch nicht ganz ausgereift. Auf der anstehenden Tour wird Schilling sich als Interpret testen und seine Lieder jeden Abend neu ausprobieren können. Er wird noch besser werden. Gut ist der Neueinsteiger mit kleinen Einschränkungen sowieso schon.


„Vilnius“ vom Tom Schilling & The Jazz Kids erscheint am 21.4.2017 bei Embassy of Music.

Fotos: Stefan Klüter, Kinga Fekete

Review: Bastian Geiken

Came to this world as a boy in the year of the Wheel of fortune. First discovered music through MTV and had a hard time when they went from music videos to ringtones and dating shows. I was part of the "Nu Metal generation", if you want to call it that, and am still in love with riffs and beats, although the Fred Durst days are far behind me (and everyone). Discovered poetry through music and went on to release a volume of poems myself in 2015. Happy to be part of the indieberlin crew since april 2016, thanks to a certain bookseller and music nerd who wouldn't like to be mentioned here.

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