Interview mit Sandra Ratkovic – heute Abend Ausstellung – zum Fotobuch ‘Moskau’

Sandra Ratkovic pic from Moskau book

Ich fotografiere schon seit ich zwanzig bin sehr intensiv. Meine erste Kamera war eine alte analoge Canon FTql aus den 60ern, mit der ich fotografieren “gelernt” habe. Ich habe dann erst Kunstgeschichte studiert und dann noch eine Fotografieausbildung bei imago Berlin absolviert, weil ich auch das Handwerkliche wirklich fundiert lernen wollte.

Picture from Art Book Moscow by Sandra RatkovicDann kamen erfreulicherweise recht schnell viele Ausstellungen im In- und Ausland, und unter anderem wurde ich gefragt, ob ich Gründungsmitglied von Fata Morgana werden möchte. Fata Morgana ist ein Galerie-Projektraum in Berlin-Mitte, einem der wichtigsten Dreh- und Angelpunkte der Galerieszene in Berlin.

Anfangs war es eher eine Produzentengalerie. Wir waren ein Kollektiv aus den verschiedensten Künstlern, von kanadischen Malern über amerikanische Kuratoren bis zu ungarischen Videokünstlern. Das hat Fata Morgana sehr lebendig und spannend gemacht, und diesen Charme hat der Raum auch heute noch. Inzwischen hat sich Fata Morgana zu einer Kooperation aus CoGalleries, Konstantin Kopietz von der Z-Bar und der Leo Kuelbs Collection entwickelt. Es werden jetzt auch viele externe Künstler ausgestellt, wie auch bei dem jetzt am Wochenende stattfindenden Mitte Media Festival. Gegründet wurde Fata Morgana 2015.

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Heute Abend 06.05 – Exhibition Sandra Ratkovic and Carsten Becker im Fata Morgana, Berlin Mitte

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indieBerlin: Liebe Sandra, dein Buch Moskau macht mit seinen Werken gerade ordentlich Furore. Glückwunsch dazu! Erzähl doch mal, wie das Projekt entstand – was waren die Stationen von der Idee bis zum Buch?

Picture from Art Book Moscow by Sandra Ratkovic 2Es fing damit an, dass ich ein Interesse für die verlassenen Kasernen und Militaerstädte der ehemaligen russischen Besatzung in Berlin und Brandenburg entwickelte. Mit einem befreundeten Fotografen zusammen klapperte ich die Orte regelrecht ab, wie z.B. Jüterbog, das Haus der Offiziere in Wünsdorf, Forst Zinna oder Flughafen Brandt.

Dort stieß ich auf eine mir sehr spannend und skurril erscheinende Mischung aus Folklore und Patriotismus, in bunten leuchtenden Farben. Von farbenfrohen Lenin-Denkmälern über Raketen-Malereien in Schulklassenzimmern bis zu tanzenden Frauen in Folklore-Trachten in Speisesälen.
Ich fand die Inszenierung der Militaerstärke und Folklore und deren Nutzung als Dekorationselemente sehr spannend. Sie hatte eine sehr besondere Ästhetik, die ich zuvor noch nirgendwo gesehen hatte.

Darum war es für mich schnell klar, dass ich das Land Russland und seine ganz spezielle Zurschaustellung von Militärsymbolen und Folklore und deren Einbindung in die Gesellschaft und Erziehung genauer kennen lernen wollte.

Die Soldaten zogen ja in den 80ern wieder aus Deutschland ab, die Kasernen und Militärstädte waren also schon etwas älter. Ich wollte wissen, wie es im heutigen Russland ist. Und wie die Gesellschaft und Aesthetik dort vor Ort ist. So machte ich mich auf nach Moskau.

indieBerlin: Ist Moskau für dich primär ein politisches oder künstlerisches Buch?

Auf jeden Fall ein künstlerisches Buch. Politisch soll es nicht sein. Mein Fokus auf Bilder von Militärsymbolen und Militärmuseen und den Kult um Putin-Fan-Artikel wird oft als politische Herangehensweise missverstanden. Ich habe ein gesellschaftliches Phänomen beobachtet, das mir ins Auge gestochen ist und das ich sehr spannend fand. Es zu werten, liegt mir völlig fern. Dafür habe ich als Nicht-Russin auch gar nicht genug Einblick in die Geschichte und Situation des Landes, um mir ein politisches Urteil zu erlauben. Das Buch ist ein künstlerisch und soziologisch beobachtendes Fotobuch.

Natürlich kommt man um den politischen Kontext nicht ganz herum

indieBerlin: Das Medieninteresse richtet sich bestimmt auch auf die Differenzen zwischen Berlin und Moskau – wie gehst Du damit um?

Picture from Art Book Moscow by Sandra Ratkovic 3Sicherlich liegt es auch an der aktuellen Lage, dass das Buch und die Bilder in so vielen Medien wie dem Spiegel, der Zeit, der Welt, der TAZ, Deutschlandradio oder Deutsche Welle Russland vorgestellt werden. Natürlich kommt man um den politischen Kontext nicht ganz herum, und gerade die Bilder der Putin-Fanartikel sind für die Medien sehr spannend. Mir ist es aber wichtig, dass es in den Artikeln hauptsächlich um die Bilder und das Konzept der Fotos geht und die gesellschaftliche Lage und die Wandlungen in vielen Ländern in Osteuropa allgemein. Ich habe bei mich bei einigen Medien auch im Vorfeld gegen eine zu krasse Verordnung meiner Bilder in den politischen Kontext gewehrt. Allerdings ist Moskau natürlich gerade ein sehr aktuelles Thema, das ist klar.

Der schönste Moment war tatsächlich, als ich das Coverfoto des Buches geschossen habe

indieBerlin: Was war bei den Aufnahmen einer der schönsten und einer der verwirrendsten Momente?

Picture from Art Book Moscow by Sandra Ratkovic 4Der schönste Moment war tatsächlich, als ich das Coverfoto des Buches geschossen habe – die Frau, die im allrussischen Ausstellungszentrum vor einer Militärrakete posiert. Sie hat dort für ihren Mann für das Familienalbum posiert, und als sie gesehen hat, dass ich sie auch fotografiert habe, hat sie sich gefreut und nochmal stärker posiert. Ich hatte gleich das Gefühl, dass das ein ganz besonderes Bild wird. Und auch als ich es mir direkt danach auf der Kamera angeschaut habe, hatte ich sofort eine Gänsehaut und wusste, hier ist ein wirklich besonderes Foto entstanden. Bei guten Fotos weiß und spürt man das sofort. Und das Bild hat sich tatsächlich als das beliebteste Bild der Serie herausgestellt und es sogar auf das Cover des Buches geschafft.

Der verwirrendste Moment war, als ich eine alte Frau unten in einer Metrostation fotografierte. Sie saß etwas verloren auf einer Bank, mit ihrem Kopftuch und ihren Einkaufstüten.

Gleichzeitig hatte sie aber auch etwas sehr Schönes und eine sehr warme Ausstrahlung. Als dann die U-Bahn einfuhr, fing sie dann plötzlich an, die Fahrgäste nach Kleingeld zu fragen und mir wurde klar, dass sie um Geld bettelte. Das hat mich im ersten Moment sehr erschrocken, da ich das überhaupt nicht erwartet hatte und mir tat die Frau sehr leid.

Vladimir Kaminer: Sein Vorwort ist fantastisch geworden, mit dem für ihn typischen Scharfsinn und Humor

indieBerlin: Wladimir Kaminer, der Autor von “Russendisko” hat das Vorwort geschrieben – wie kam es dazu?

Sandra Ratkovic gives a glimpse into the modern Russian soul with her celebrated art book "Moskau"

Sandra Ratkovic gives a glimpse into the modern Russian soul with her celebrated art book “Moskau”

Das war eine Idee der wunderbaren Kuratorin des Buches, Nadine Barth. Sie meinte, es gäbe nur einen, der das Vorwort für das Fotobuch schreiben könnte: Wladimir Kaminer. Ich konnte es kaum glauben, als er dann tatsächlich zusagte. Sein Essay ist fantastisch geworden, mit dem für ihn typischen Scharfsinn und Humor. Das war ein großer Glücksfall.

indieBerlin: Gab es auch kritische Stimmen aus Russland, die deine Sichtweise nicht verstehen?

Zum Glück nicht so viele. Die meisten Russen finden meine Bilder super und finden, ich habe das für dort Typische sehr gut eingefangen, und zwar auf eine augenzwinkernde und unterhaltsame Weise, was ihnen sehr gut gefällt. Ein paar Einzelne haben die Bilder und Berichte dazu leider falsch verstanden und dachten, ich würde mich ein wenig über das Land lustig machen. Was aber absolut nicht meine Intention ist, im Gegenteil. Ich hatte eine wunderbare Zeit dort und finde die Menschen dort sehr warmherzig und sehr sympathisch, und auch das Land sowohl kulturell als auch gesellschaftlich hoch spannend.

Dann habe ich jetzt im September eine Ausstellung in England und werde dies mit meinem neuen Projekt verbinden, bei dem ich Menschen fotografiere, die für den Brexit gestimmt haben.

indieBerlin: Was ist dein nächstes Projekt und wo können wir weitere Werke von dir sehen?

Ich arbeite gerade an mehreren Projekten. Einmal an der Serie der ehemaligen sowjetischen Militärstädte in Berlin und Brandenburg. Da werde ich als nächstes ehemalige dort stationierte Soldaten in Russland besuchen und interviewen, wie sie die Zeit dort empfanden und Porträtfotos von ihnen anfertigen.

Dann habe ich jetzt im September eine Ausstellung in England und werde dies mit meinem neuen Projekt verbinden, bei dem ich Menschen fotografiere, die für den Brexit gestimmt haben.
Im Oktober gibt es dann eine weitere Fotoausstellung hier in Berlin, wo Bilder aus einer Serie zum Thema Traum von mir zu sehen sein werden.

Und in München plane ich gerade mit einer Fotobuchgalerie eine Ausstellung zur Entstehungsgeschichte des Buches MOSKAU.MOSCOW.MOCKBA, wo wir die Testbögen, Proofs und Bilder des Making Of des Buches ausstellen. Das wird eine sehr spannende Ausstellung, auf die ich mich sehr freue. Auf www.sandra-ratkovic.com findet ihr immer die aktuellen Ausstellungen von mir.

Vielen lieben Dank an das tolle Team von indieBerlin für das Interview!

Heute Abend 06.05 – Exhibition Sandra Ratkovic and Carsten Becker im Fata Morgana, Berlin Mitte!

 

Noel Maurice is one of the founders of indieberlin. Originally from the UK via a childhood in Johannesburg, he has been resident in Berlin since 1991. Describing himself as a 'recovering musician', he is the author of The Berlin Diaires, a trilogy detailing the East Berlin art and squat scene of the early 90s, available on Amazon and through this site.

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