Hitze, Entdeckungen und Ärger beim Secrets Festival

Secrets-Festival-2015

Ich bin froh, dass ich mir zwei Tage Zeit gelassen habe, meine Eindrücke vom ersten Secrets Festival in Marienwerder bei Berlin aufzuschreiben. Denn es war ein bisschen wie bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde: Eigentlich eine ganz tolle Idee, dieses neue Festival, das außer viel Musik auch noch ein unglaublich vielfältiges Rahmenprogramm aus Yoga, Meditation, Wassersport, Workshops, Lesungen usw usw usw. geplant hat. Außerdem einen extra Kinderbereich mit Zirkus-Workshops, Betreuung für die Kleinsten und eigenem “Family Camping.” Das Essen von kleinen, feinen Streetfood-Ständen, dazu Craft Beer und Booze Bar… es klang wirklich wie eine prall gefüllte Wundertüte in vielversprechender Location – mit Wald, Wiesen, Wasser und genug Platz für alle Arten von Festivalbesuchern.

Und damit fangen auch die Probleme an:

Was die Secrets-Macher sich da vorgenommen und auf ihrer Webseite vollmundig angekündigt hatten, war offenbar einfach zu viel. Am Platz hat es nicht gemangelt; die Wege waren eher teilweise etwas weit bei der Hitze. Wald, Wiesen und Wasser waren auch da – wobei die Sache mit dem Trinkwasser echt ärgerlich war. Ganz kurzfristig vor Beginn durfte das frei verfügbare Wasser offiziell nicht als Trinkwasser deklariert werden. Das trinkt man dann schon mit einem etwas mulmigen Gefühl, was sich für Eltern mit kleinen Kindern wohl noch mulmiger angefühlt haben mag. Oder man kauft gekühltes Flaschenwasser für 2 Euro pro 500 ml am Getränkestand, was bei mindestens 35 Grad dann ganz schön ins Geld geht. Wenn man Glück hat, ergattert man eine Flasche beim Campingplatz-Sprinter, wo große Flaschen günstiger verkauft wurden, aber dafür dann nicht mehr kalt… An diesem Beispiel sieht man schon, es gab Baustellen, Ärgernisse, Schwierigkeiten. Und davon doch so einige.

Shitstorm?

Man kann sich die Liste der Beschwerden und Unzufriedenheiten inzwischen aus verschiedenen Presse-Berichten im Internet zusammenbauen, oder sich anschauen, was in der Facebook-Gruppe “Secrets-Festival-Kritik” alles bemängelt wird. Die besteht inzwischen aus über 800 Mitgliedern, und es wird sachlich und zum größten Teil fair diskutiert, was denn nur ernsthaft daneben gegangen ist, aber auch, was gut gelaufen ist. Daher ist der Begriff “Shitstorm” hier vielleicht nicht ganz richtig, auch wenn er mehrfach in der Presse fiel. Nach anfänglichem Frust über gelöschte Posts auf der offiziellen Secrets-Festival-Seite und über fehlende Kommunikationsbereitschaft sind viele heute Abend schon wieder ein Stück weit besänftigt, weil einige mit berechtigten Beschwerden bereits Geld für Luxus-Glamping zurückbekommen haben, und vor allem, weil die Macher mit den Kritikern in Kontakt getreten sind, um zu reden.

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Das Zauberwort mit K

Kommunikation wäre eben viel früher nötig gewesen, denn kurzfristige Änderungen und Probleme würden die Besucher sicher weit weniger ärgern, wenn man sie offen informiert hätte, dass z.B. nicht alles ganz so realisiert werden konnte wie geplant. Daran hat es auf jeden Fall gemangelt. Alle anderen Kritikpunkte lasse ich jetzt mal weg, die findet man wie gesagt an anderer Stelle im Netz.

Kommen wir also zu meinen eigenen Eindrücken, und zu denen meiner 12-jährigen Tochter, denn was als “familienfreundliches Festival” angekündigt war, soll auch von mehr als einem Familienmitglied kommentiert werden… Also jetzt erstmal O-Ton Tochter:

Toll war:

Schwimmen gehen!!! Dann der Markt mit coolen Sachen auch für Teenager (so wie der Schmuck von “Liebe und Kraft,” die temporary Tattoos, und alle Verkäufer waren sehr sehr nett). Es gab leckeres Essen, vor allem Pizza, aber auch Crepes. Und toll war die Abend-Show von TVnoir. Vor allem das Pinata-Monster am Ende, das Konfetti und Süßigkeiten “gespuckt” hat. Die Securities waren nett, wenn man sie immer freundlich grüßte.

Blöd war:

Die Hitze, das lange Anstehen für Essen und Trinken, dass es mehr kleine Kinder gab als fast-Teenager. Blöd war auch, dass man sich fürs Stand-Up Paddling anmelden musste, das aber nirgends stand. Es gab also längst keine Plätze mehr, als ich mitmachen wollte. Blöd waren die vielen Brennesseln am Family Camping (man hätte mähen müssen, ich habe mir richtig richtig weh getan). Dixis ohne Handwaschmöglichkeit, eklig, und im Dunklen ohne Licht gruselig. Auch die Duschen waren mit dem “See” in der Mitte eklig, und für Leute, die auf Dixis nicht immer “können,” wären ein paar wenige richtige Toiletten schön gewesen, z.B. in dem Duschcontainer. Das kenne ich von anderen Festivals. Und dass der Shuttle vom Bahnhof Eberswalde so weit weg vom Eingang gehalten hat, war auch blöd. Der Kanal war für kleinere Kinder sicher gefährlich. Noch mehr Kinder-Angebote auch für Größere wären super gewesen, und bessere Ausschilderung.

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Sehr schön, aber verflixt nochmal nicht so wie angepriesen!

Soweit also der Eindruck einer 12-jährigen, die braungebrannt, über und über tätowiert und mit der Handy-Nummer einer neuen Freundin zurückgekommen ist. Und trotz ihrer vielen “blöden” Punkte eigentlich ganz viel Spaß hatte. Den hatte ich auch, trotz Hitze Hitze Hitze, Dauerdurst und ein paar Momenten, in denen ich keine Lust mehr hatte, weil ich immer mal wieder dachte: Also, wenn man die Hitze abzieht, die einen echt schlaucht, dann ist es hier sehr schön, aber es ist verflixt nochmal nicht so, wie es angepriesen wurde… Musikalisch habe ich nicht allzuviel mitgenommen, stimme meiner Kleinen aber voll und ganz zu, dass die TVnoir-Show am Samstag Abend das Highlight war, mit Foxos und Tipps für Wilhelm, ein Riesenspaß und schöne Songs! Bei TVnoir gabs allerhand gute Musik zu entdecken, so soll das sein auf einem Festival!

Summer Symphony

Mein eigener Beitrag waren zwei Mittagslesungen, Samstag und Sonntag jeweils um 12, in der “Workshop Area,” die kurzfristig weder ein zu Beginn angekündigtes Zelt noch ein Mikro hatte, zwischen Pferdeäpfeln, Brettern mit rostigen Nägeln, einer immer leeren Baum-Bar, und ein paar Podesten im Gras – aber das war alles nicht schlimm, denn von der Warte einer Autorin, die alles mal ausprobiert, um ihr Publikum, ihre Leser zu finden, ist meine Bilanz positiv: Ich hatte beide Male um die 25-30 Zuhörer und ein paar schöne Gespräche über mein Buch Summer Symphony, das ja selbst auch zum großen Teil auf Musikfestivals spielt. Und wer weiß, vielleicht finden die Erfahrungen und Eindrücke dieses Wochenendes in Marienwerder ja irgendwann auch Eingang in ein anderes Buch. Abgesehen davon hat es großen Spaß gemacht, diese “andere Welt” zu erkunden und zu durchstreifen, von der Duftorgel bis zu den Hängematten im Gebüsch, vom Designmärktchen bis zur TVnoir-Bühne, vom Kanalufer bis zum etwas wilden Family Camping. Wenn man sich nicht an dem festgehalten hat, was fehlte, konnte man sich schon richtig schön entspannen. Bis der Durst einen halt wieder in die Realität zurückgeholt hat …. War also unterm Strich viel Schönes dabei, aber als alter Festival-Hase muss ich natürlich den vielen Kritikern zustimmen, dass man (auch beim ersten Mal) so Einiges hätte besser machen können – vor allem aber: Besser Kommunizieren und Informieren!!!

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Ich bin gespannt, wie sich Kritik und Austausch im Nachgang weiter entwickeln, und auch, ob die Macher aus all dem lernen und uns im nächsten Jahr mit einem vielleicht abgespeckten, dafür aber umso geilerem Secrets 2.0 überraschen. Das wäre schön, ich würde mich nochmal rauswagen nach Marienwerder, trotz allem.

In diesem Sinne, genießt den Rest des Sommers mit viel Musik und wenig Ärger!
Claudia Rapp (sonst für indielit auf Deutsch zuständig)

TVnoir-auf-dem-Secrets-Festival

TVnoir-auf-dem-Secrets-Festival

Claudia is a blue-eyed trapeze artist of the lazy kind. Translatrix. Authoress. PhD. And a bit of a nerd.

Zuständig fürs Deutsche bei indieberlin. Schreiben, Übersetzen, in der Literatur rumtreiben. Und Musik. Viel Musik.

Claudia is a blue-eyed trapeze artist of the lazy kind. Translatrix. Authoress. PhD. And a bit of a nerd. ♫ Zuständig fürs Deutsche bei indieberlin. Schreiben, Übersetzen, in der Literatur rumtreiben. Und Musik. Viel Musik.

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