Apocalyptica in der Columbiahalle

Apocalyptica-live-Columbiahalle-5-10-2015

Für den Fall, dass es immer noch Leute gibt, denen der Name Apocalyptica nichts sagt: Drei Finnen mit klassischer Cello-Ausbildung haben irgendwann (damals noch zu viert) zum Spaß Metallica gecovert, damit einen Überraschungserfolg gelandet, dann eigene Stücke komponiert, Schlagzeuger und diverse Gastsänger hinzugefügt, sich stetig weiterentwickelt… und im Frühjahr 2015 ist ihr 8. Studioalbum erschinen, Shadowmaker. Diesmal gehört ein “fester” Sänger zum Repertoire, der Amerikaner Franky Perez. Eigentlich sollte die Tour zum Album sie auch schon im April nach Berlin führen, aber dann kam wohl einiges dazwischen. Gestern haben sie ihre neue Show in der Columbiahalle präsentiert und WOW, was für eine Show das war!

Im neuen Gewand

Ich bin sicher voreingenommen, so als glühender Fan der beinahe ersten Stunde. Andererseits bin ich vielleicht auch extra kritisch, weil mir schon immer die minimalistischen, also tendenziell älteren Stücke am besten gefallen haben. Minimalistisch war dieses Konzert aber auf keinen Fall. Zu Beginn sah noch alles aus wie gewohnt, nur eine Nummer größer: Backdrop mit einem Motiv aus der Album-Kampagne, eine schwarz verhüllte, ja, fast mumifiziert wirkende Gestalt. Schlagzeug hinten mittig, vorne viel Platz für drei Derwische mit Cello sowie einen Sänger. Ein Gag die Scheinwerfer-Stative, die man durch schwarze Schneiderpuppen erstezt hatte – ebenfalls passend zur Bildsprache von Shadowmaker.

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Die Musik:

Wie zu Beginn von Mastermind Eicca angekündigt ein wilder Ritt durch die Bandgeschichte, mit alten, lange nicht mehr live gehörten Stücken, allerdings oft im neuen Gewand, und einer Reihe von Songs aus dem neuen Album. Sänger Franky Perez fügt sich wunderbar nahtlos in die Band ein, auch bei älteren Songs, denen ursprünglich andere Sänger ihre Stimme geliehen hatten, wie etwa “I’m not Jesus,” im Original mit Corey Taylor von Slipknot. Einzig bei “Hope,” einer Ballade vom 2000er Album “Cult,” Im Original mit Matthias Sayer von den Farmer Boys, wollte der Funke bei mir nicht überspringen, denn wo in der Originalversion alles fließt, war es hier, als bremse Frankys Gesang den Song immer wieder aus. Das war allerdings wirklich der einzige “Misston” in der Reihe der anderen Stücke, die er an diesem Abend mit Verve, Power und viel Gefühl intonierte.

Und wie ich das gewohnt bin von meiner Lieblings-Liveband konnte man die vielzitierte Spielfreude auch diesmal wieder bei allen Musikern deutlich fühlen. Paavos üblicher Flirt mit dem Publikum war fast schon schlüpfrig, dagegen hat Perttu die Balance zwischen Headbangen und Virtuosität inzwischen zur Perfektion gebracht. Und Eicca, wie der Fels in der Brandung das Zentrum des Bühnentableaus, ist immer noch Eicca.

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Projektionen fürs Kopfkino

Die große Überraschung kam, als die Jungs nach mehreren Songs kurz die Bühne verließen und der riesige Vorhang aus Stoff, der bis dahin den Backdrop gebildet hatte, nach unten sank. Dahinter erschien eine helle Leinwand, auf der für den Rest der Show Projektionen auftauchten, die gemeinsam mit dem durchdachten Lichtkonzept eine neue Dimension der Dynamik und Tiefe ins Spiel brachten. Bewegte Bilder und wechselnde Farben, optische Täuschungen und verzerrte Gesichter – ein Kaleidoskop von Impulsen und Inspirationen, die dem Kopfkino der Zuhörer und Zuschauer wunderbaren Stoff lieferten. Besonders genial die sich drehenden Zahnräder und der Steampunk-Look zur allerersten Eigenkomposition von Apocalyptica, “Harmageddon” von 1998. Die Assoziationen von stampfenden Dampfmaschinen, dem schmutzigen Rhythmus der Moderne, und dem Wechselspiel von Kraft und Bewegung passten nahtlos zu diesem harten, komplexen Stück und verliehen ihm eine neue, glasklar geschliffene Facette. Bei anderen Stücken hatte die visuelle Komponente – also Licht und Projektionen – wechselweise psychedelische, technoide und Vrieté-hafte Züge. Nicht bloß irgendwelche wahllos hingeworfenen Bilder, um “mehr” zu bieten, sondern tatsächlich eine neue Dimension, die die Songs ein bisschen mehr zu Geschichten macht. Episch. Oder wie ein Rückgriff auf das goldene Zeitalter der Videoclips, als diese noch einfallsreich und vieldeutig waren (Ja, ich bin alt).

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Wie gesagt, ich kann mich sehr gut in den reduzierten, fast rohen, aber auch überraschend weichen Stücken aus der Frühzeit von Apocalyptica verlieren, als die Celli ganz ungeniert die Hauptrolle einnahmen – aber die neue Show hat es geschafft, mich wirklich nochmal ganz neu zum begeisterten Fan zu machen. Ein kleines Kunststück nach über 15 Jahren und ebensovielen Konzertbesuchen! Erst im April bei ihrem Auftritt für die arte-Reihe “Berlin live” hat Eicca mir versprochen, dass mir die neuen Sachen gefallen werden, wenn ich bisher die alten am besten fand. Nach diesem Konzert stimme ich vorbehaltlos zu.

Apocalyptica-Magic

Apocalyptica-Magie

Konzertbericht von Claudia Rapp, deren Roman “Summer Symphony: Ein Trip mit Sex, Zeitreisen und Rock’n’Roll” ein ganz kleines bisschen von Apocalyptica inspiriert wurde…

 

Claudia is a blue-eyed trapeze artist of the lazy kind. Translatrix. Authoress. PhD. And a bit of a nerd.

Zuständig fürs Deutsche bei indieberlin. Schreiben, Übersetzen, in der Literatur rumtreiben. Und Musik. Viel Musik.

Claudia is a blue-eyed trapeze artist of the lazy kind. Translatrix. Authoress. PhD. And a bit of a nerd. ♫ Zuständig fürs Deutsche bei indieberlin. Schreiben, Übersetzen, in der Literatur rumtreiben. Und Musik. Viel Musik.

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