Musik und Text und Bild – Ein Abend in Berlin

Pop-Kultur-im-Berghain

Donnerstag, der 27. August 2015: Ein Nachmittag, ein Abend in Berlin, und mal wieder habe ich im Schnelldurchlauf einen wunderbaren Querschnitt durch große und kleine Kunst, durch die Macht der Worte, Bilder und Melodien erlebt … Ich bin immer noch immer wieder aufs Neue geflasht von dem Input, der Anregung, Unterhaltung und Kreativität, die man hier quasi überall im Vorbeigehen mitnehmen kann. Daher nur so als Streiflicht, mein gestriger Tag:

Was Musik mit uns macht

Am Nachmittag in der Garderobe des Berghain, im Rahmen des MusicWeek-Nachfolgers PopKultur. (Im Bild ein Besipiel für das Werbekonzept der neuen Veranstaltung: fiktive Orte, an denen Musikgeschichte geschrieben wurde – natürlich allesamt in Berlin!) Auf der Bühne sitzen der Maler und Love-Parade-Lover Norbert Bisky und Professor Dr. Tom Fritz, Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, gemeinsam mit einer fröhlichen Moderatorin. Es soll im weitesten Sinne darum gehen, was Musik mit uns macht, mit unserem Gehirn, unserem Körper. Deswegen bin ich da. Ein mega-spannendes Thema, das auch in meinem Roman Summer Symphony eine zentrale Rolle spielt. Was dann kommt, ist aber nochmal ganz anders als erwartet.

Fitnessgeräte als Musikinstrumente

Auch die PopKultur-Macher sind überrrascht und brauchen erstmal länger für den Aufbau, denn der Wissenschaftler hat ein paar Geräte mitgebracht, die direkt aus dem Fitnessstudio kommen. Ein Stepper, ein fast schon altertümliches Bauchtrainings-Ding und ein Zug-Rückentrainer. Was wird das, Berghain-Darkroom-Spaß? Nein, die drei Sportmaschinen sind so verkabelt, dass sie quasi gleichzeitig Musikinstrumente sind: Wenn man sich auf ihnen bewegt, erklingen elektonische Loops, Beats und Melodien. Diese verändern sich je nach Intensität – Das ist die musikalische Variante von “Schneller – Höher – Weiter.”

NOW READ
Trinken und Erinnern: Zwei Lesungen

Rausch ohne Drogen

Tom Fritz erklärt auf seine unnachahmlich entspannt-belustigt klingende Art, dass er nach interessanten Felderfahrungen in Afrika nach einem Weg gesucht hat, den dortigen “Rausch durch körperlich anstrengendes Musikmachen” auf westliche Formen von Anstrengung und Musik zu übertragen. Wo die Fremden mit voller Puste in spezielle Flöten blasen, bis sie “drauf” sind, sollen wir also auf die guten alten “Foltermaschinen” steigen und uns mithilfe unserer Muskeln in Trance steppen. Wow. Das ist cool und lustig und spannend, und holt den sperrigen Titel der Fritz’schen Forschungsgruppe “Musikevozierte Hirnplastizität” doch mal gleich zurück auf den Boden, zwischen Schweißtropfen und Disco-Scheinwerfer. Bisky durfte immerhin ein paar interessante Installationen zeigen, die er im Berhain passend positioniert hatte: Eine unförmige, überdimensionierte, sich windende Schlange aus den unglaublich vielen liegengebliebenen Kleidungsstücken, die von den Besuchern im Techno-Tempel vergessen wurden. Ein Stück Tanzteppich, das von der Decke hängt und “tanzt,” vom vielfarbigen Scheinwerfern psychedelisch beleuchtet. Und Gemälde von tanzenden Leibern, Love Parade auf Leinwand gebannt.

Märchenhafte Zeilensprünge

Nach so viel Farbe, Körperlichkeit, Bewegung und Schweiß mutet  der Autritt von Balbina danach wie ein Kontrastprogramm an. Das neue Album der Berliner Sängerin “Über das Grübeln” wird gerade überall in der Musikpresse bejubelt. Im Berhain aber singt die weißgekleidete, schneewittchenhafte Erscheinung nicht, sondern trägt zum ersten Mal ihre Gedichte einem Publikum vor. Kleine Alltagsvignetten, nachdenklich und skeptisch, mit Liebe zum Rhythmus, zum Sound der Sprache – wie einer der Zuhörer richtig bemerkt hat, ist da was dadaistisches drin, was Jandl-haftes. Aber auch die Poesie einer jungen Frau, bei der man das karierte Papier eines Notizheftes mitzuhören meint, auf dem sie jedes Mal sehr bewusst entscheidet, wo der Zeilensprung hinmuss, die Zäsur, die Pointe, der Abgrund.

NOW READ
Das neue Buch des Musikfanatikers Stefan Gaffory

Von der Poesie zum Poetry Slam

Und dann, Szenewechsel. Ab nach Mitte, in den Telekom-Shop 4010 in der Alten Schönhauser Straße. Dort gibt regelmäßig Donnerstags den Jour Fitz, veranstaltet vom erfolglosesten Taubenvergrämer und niedlichsten Twitter-Phänomen Deutschlands, Jan-Uwe Fitz, dem Autor von “Wenn ich was kann, dann nichts dafür” und “Bitte entschuldigen Sie meine Störung.” An diesem Abend stehen auf dem Programm: “Depressed Industrial Metal” von Enemy I und Texte von Karsten Lampe, Poetry-Slammer, Teil der Couchpoetos und Betreiber des Überblogs. Wobei Poetry-Slammer irreführend sein könnte, denn was Karsten gestern zum Besten gegeben hat, war lustiger, gewitzter und auch klüger als das Meiste, was ich bisher von Slammern gehört habe. Zugegeben, ich bin kein Experte. Aber von Streifenhörnchen über Studenten und “besorgte Bürger” bis hin zu Sportlehrern, gestressten Vätern und Bürgeramt-Beamten hat er seine Figuren prima im Griff. Das Publikum grinst, lacht, denkt nach und nickt. Das funktioniert und macht großen Spaß.

Angenehm Emo

Ähnliches ließe sich übrigens auch über die Musik von Enemy I sagen, die sich auf, um und hinter dem Lesetisch breitmachen und akustisch rocken. Weniger Industrial und Metal in dieser Variante, eher angenehm Emo, wenn das denn eine valide Bezeichnung ist. Für mich klangen die Songs ein bisschen wie End of Green mit extra Twang, also mit beinahe country-esken Gitarrenklängen. Auf der EP oder z.B. im Video “Red-Head Bitch” findet sich dann auch mehr Metal, mehr volle Power. Ich bin aber mit der typischen Reduziertheit einer Akustiksession bestens bedient und spaziere an diesem Abend lächelnd nach Hause: Musik und Text und Bild haben sich mal wieder zu einem wunderbaren Gedanken- und Gefühlskarussell verbunden, gestern in Berlin. Danke!

NOW READ
Zuviel Lob ist auch nicht gut ... eine Rezension

Ein Post von Claudia Rapp, Autorin von Summer Symphony und Zweiundvierzig.

Claudia is a blue-eyed trapeze artist of the lazy kind. Translatrix. Authoress. PhD. And a bit of a nerd.

Zuständig fürs Deutsche bei indieberlin. Schreiben, Übersetzen, in der Literatur rumtreiben. Und Musik. Viel Musik.

Claudia is a blue-eyed trapeze artist of the lazy kind. Translatrix. Authoress. PhD. And a bit of a nerd. ♫ Zuständig fürs Deutsche bei indieberlin. Schreiben, Übersetzen, in der Literatur rumtreiben. Und Musik. Viel Musik.

Be first to comment

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.