Comeback von Alexander Osang – Wenn der Rock’n’Roll in die Jahre kommt

Come-Back-von-Alexander-Osang

Comeback von Alexander Osang:

Donnerstagabend, Georg Büchner Buchladen am Kollwitzplatz, immer noch das Festival Literatur:Berlin. Heute liest Alexander Osang aus seinem neuen Buch „Comeback.“ Ein Roman um eine fiktive Ostberliner Band und um die Zeit, die vergeht, die man nicht halten kann. Oder, wie ein Kapitel heißt, aus dem er vorliest: „Almost Famous“ trifft Gunter Gabriel.

Und hier trifft Rockmusik auf den doch recht gesetzt wirkenden Prenzlauer Berg. Ich hab ja leicht reden als Zugereiste, die immer noch in der Berlin-Orientierungsphase ist. Die bis gestern Abend Alexander Osang nicht mal kannte, sondern lediglich von Buchcover und Kurzinhalt angezogen wurde, lauschen zu kommen. (Es geht um eine Band! Das reicht ja schon, um mich aufhorchen zu lassen. Ich schreibe ja selbst gern über Bands. Ich mag Bands. Ich habe das Logo einer Band als Tattoo. Alles klar?)

Also erlaube ich mir, die erste Viertelstunde zu fremdeln, während sich der Laden füllt. Ist aber auch alles ganz anders als am Vortag in der Kulturbrauerei, bei dem goldglänzenden Liechtenstein. Ambiente, Enge, mehr Kultur als Brauerei.
Dann geht es also los und ich brauche noch einmal ein paar Minuten, bis mich die Geschichte an sich zieht, bis ich Anteil nehme und erfahren möchte, wie es der einer Enge entflohenen Sängerin Nora in New York ergehen wird. Zu Beginn halte ich mich noch an Details auf, wie der zweimal erwähnten „roten Plastiktüte von Tower Records.“

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Rockmusik, Erinnerungen, der fassungslose Vergleich von Deutschland und Amerika

Die Tüten von Tower Records sind gelb, und schon drifte ich zurück zu meinem eigenen ersten USA-Trip (ein paar kurze Jahre nach Noras fiktiver Reise), bei dem ich im Tower Records Outlet in San Francisco die Doppel-CD von Billy Joels Greatest Hits erstanden habe. Rockmusik, Erinnerungen, der fassungslose Vergleich von Deutschland und Amerika, auch wenn es in meinem Fall ja nicht Ost vs. West gewesen ist.

die besorgte (und unsympathische) Mutter sowohl den Musiker-Vater als auch die neue Lehrerin nur als libertäre Loser sieht

Geschickt hat der Autor Stellen aus seinem Buch ausgesucht, die genügend Raum und Pointen für Lacher bilden, von Noras erster Sushi-Erfahrung („als ob sie ihren kleingeschnittenen Ledermantel mit Reis essen würde“) über die alternde Erfolgsjournalistin, die sich in unbequemen Provinzhotels wiederfindet, weil sie beim Rock’n’Roll dabei sein will – dann aber nur den zur Kellersauna schlurfenden Bademantel bekommt – bis hin zur Realsatire einer Elternsprechstunde am Lennon-Gymnasium, wo die besorgte (und unsympathische) Mutter sowohl den Musiker-Vater als auch die neue Lehrerin nur als libertäre Loser sieht, und die beiden sich daraufhin nach ihrem Abgang verbrüdern.

Der Inhaberin der Buchhandlung ist es wichtig, zu betonen, dass das Buch keineswegs nur lustig ist, sondern auch tragische Figuren und traurige Passagen enthält. Osang selbst bezeichnet es lieber als tragikomisch.

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Für den Leser ist Nicht-Erfüllung manchmal befriedigender als Erfüllung

Ich glaube, meine Lieblingsstelle ist die, als Nora nachdenklich auf das dreistöckige Haus des New Yorker Plattenproduzenten schaut und sich die mögliche Zukunft mit ihm ausmalt, denn ihre Zeitraffer-Gedanken enden damit, dass es nicht geschieht. Das, was man meint, das geschehen würde, müsste. Ein schönes, fast bittersüßes Bild. Für den Leser ist Nicht-Erfüllung manchmal befriedigender als Erfüllung.

Rezension von Claudia Rapp, autor von Summer Symphony

Noel Maurice is one of the founders of indieberlin. Originally from the UK via a childhood in Johannesburg, he has been resident in Berlin since 1991. Describing himself as a ‘recovering musician’, he is the author of The Berlin Diaires, a trilogy detailing the East Berlin art and squat scene of the early 90s, available on Amazon and through this site.

Noel Maurice is one of the founders of indieberlin. Originally from the UK via a childhood in Johannesburg, he has been resident in Berlin since 1991. Describing himself as a 'recovering musician', he is the author of The Berlin Diaires, a trilogy detailing the East Berlin art and squat scene of the early 90s, available on Amazon and through this site.

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