Rock in Vienna 2017: Spaß gemacht hat es trotzdem

Rock_in_Vienna_Stage

Wie angekündigt bin ich zu Pfingsten wieder nach Wien gepilgert. Nachdem das Rock in Vienna im letzten Jahr so großartig war, musste ich mir ansehen, was sie diesmal draus gemacht haben. Immerhin hatte sich das Lineup doch sehr verändert. Und mein Fazit steht schon in der Überschrift: Nicht ganz so fantastisch wie 2016, aber Spaß gemacht hat es trotzdem! Vor allem die Toten Hosen, die den krönenden Abschluss eines sehr gemischten musikalischen Buffets bildeten.

Das gesamte Festival fiel eine Nummer kleiner aus, was ja erstmal kein Fehler ist. Nur eine Bühne, das gesamte Gelände geschätzt zwei Drittel der Größe des Vorjahres, aber ansonsten bewährte Infrastruktur: Bier, Cocktails, Red Bull und Futter an jeder Ecke, saubere Toiletten mit Vakuumspülung und Handwaschbecken mit Trinkwasser – sowas ist bei Festivals wirklich nicht zu unterschätzen.

Der musikalische Mix bot Hiphop, Punk, ein bisschen Rock und Pop, mit Monster Magnet auch eine Prise soliden Metal, und ich picke einfach mal einige Acts heraus, um meinen persönlichen Eindruck zu schildern:

Der erste Tag beginnt mit Lokalmatador Appletree, bei dem das Publikum zwar noch spärlich ist, der aber unerschrocken Stimmung macht, spontan reimt und zu friedlichem Miteinander und gegen Rassismus aufruft. Das werden wir an diesem Festival noch häufiger hören: Appelle gegen Terror, Ausgrenzung und Rassismus, Dankbarkeit für ein friedliches Festival, für das gemeinsame Feiern des Lebens. Ist ja auch kein Wunder, bei all der Angstmache und dem Rechtsruck, den wir überall verspüren.

Left Boy macht Spaß

Als nächster auf der Bühne der quirlige Spaßmacher Left Boy. Bekannt geworden durch Songs wie „Jack Sparrow“, bei dem er die Melodie von Fluch der Karibik nimmt und dazu munter vor sich hin rappt. Das Gleiche hat er mit so einigen anderen Hits gemacht, und ich kann zwar mit der Musik nciht allzu viel anfangen, aber der Auftritt macht eben trotzdem Spaß, weil der Mann auf der Bühne ganz offensichtlich viel davon hat. Dazu eine ganze Riege Tänzer/innen in getupften Morphsuits, Spiegeleffekte, riesige Bälle auf der Bühne, kistenweise ins Publikum geworfenes Eis am Stiel und Klopapier, und dann der Aufruf zu Massen-Sirtaki auf dem Platz. Das hat schon was, und außerdem hatte der Mann ganz offensichtlich einen fetten Heimvorteil.

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Darauf folgte House of Pain mit old school Hiphop, der mich auch wieder nicht wirklich mitgerissen hat, und dann Macklemore, mit dessen Show und Musik man ja eh nichts verkehrt machen kann. Einer der wenigen Acts dieser Sparte, der locker auch Skeptiker überzeugt. Routiniert und zum Mitwippen.

Das Risiko Early Bird

Mich hat allerdings interessiert, was die vielen Leute aufs Festival getrieben hat, an deren Metal-T-Shirts oder nur mäßig begeisterten Gesichtern man ablesen konnte, dass das Ganze nicht zu 100 Prozent ihr Ding war. Also habe ich ein paarmal nachgefragt und bekam jedes Mal zur Antwort: Early Bird Tickets gekauft, als noch nicht feststand, wer eigentlich auf der Bühne stehen wird. Naja, und dann hat man die Karten schon mal, also geht man auch hin, selbst wenn nur ein Teil des Lineups begeistert. Außerdem fiel auf: Das Publikum war viel jünger als im Vorjahr, wobei sich das am letzten Tag mit den Toten Hosen nochmal ändern sollte …

Aber zunächst zum Samstag, aus dem ich mir nur die letzten beiden Acts rauspicken möchte, Silbermond (man fragte sich schon, was die dort verloren hatten, aber könnte in Anlehnung an Arbeitszeugnisse sagen: „Hat sich sehr bemüht, den Anforderungen gerecht zu werden“) und Kings of Leon (ganz ehrlich: lieber im Radio bzw. aus der Konserve anhören, denn da haben sie weitaus mehr Feuer und Druck … Ich hatte mehr erwartet). Aber dank Jack Daniel’s konnte man sich das alles ja mit süffigen Getränken wie der Lynchburg Lemonade schöntrinken.

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Wachmacher im Regen

Am Sonntag haben dann die Donots mit groovigem Punk die Stimmung wieder merklich gehoben, obwohl das Wetter nicht mehr ganz so toll mitgespielt hat und uns Wind und Regen um die Ohren gepfiffen hat. Aber spätestens das Twisted-Sister-Cover „We’re not gonna take it“ hat auch die verkaterten Zuhörer wieder hellwach gemacht. Danach dann gleich Monster Magnet, solider Metal und gute Laune trotz Regen.

In Extremo mit Feuer und Dudelsäcken, wie immer halt … Tut mir leid, dass mir auch da die Begeisterung fehlt, aber irgendwie sind die immer überall, wo ich hingehe. Habe ich also schlicht schon zu oft auf Festivals gesehen, aber an der Show gibt’s objektiv absolut nichts auszusetzen. Dasselbe gilt wohl auch für Deichkind, die den Großteil des Publikums ganz offensichtlich schwer begeisterten. Nochmal eins draufgesetzt, was die Show betrifft, viel Blödsinn, Geometrie und Choreografie, zum Partymachen sicher unschlagbar. Mein bester Moment: Wo kommt denn auf einmal die Melodie von Frankie goes to Hollywoods „The Power of Love“ her? Danke, der Song ging mir tagelang nicht mehr aus dem Kopf.

An Tagen wie diesen

Und am Montag gesellten sich noch die Beatsteaks und die Toten Hosen dazu. Von letzteren, die zu den Helden meiner Jugend gehörten (äh, ja, ich bin alt genug, um den Text von „Opelgang“ auswendig mitgrölen zu können), hatte ich mir gar nicht so viel erwartet, weil für mich „An Tagen wie diesen“ immer zu Mainstream, zu Fußball, zu gefällig schien. Aber erstens funktioniert der Song einfach, und zweitens haben sich die alten Verrückten hier wirklich selbst übertroffen, was Show, Spielfreude und auch den Mix aus Alt, Neu und Hits anging. Spätestens bei „Liebeslied“ und „Komm mit uns, verschwende deine Zeit“ war dieser ehemalige kleine Punk mit den Hosen und dem gesamten Festival versöhnt.

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Also nochmal, musikalisch war das für mich nur bedingt das Richtige, aber Atmosphäre, Location und die Energie einiger Bands haben das locker wettgemacht und das Ganze dennoch zu einem wunderbaren Wochenende werden lassen. Dass ich den Rest der Tage mit ganz viel Wien-Feeling verbracht habe (Museen, Prater, gutes Essen, Schlosspark, Krypta mit Mumien und bemalten Holzsärgen, nachts an der Donau sitzen und quatschen, mittags im Biergarten sitzen und quatschen, usw), hat natürlich auch geholfen.

Mal sehen, wie es weitergeht mit diesem Festival, ich kann jedenfalls nur sagen, dass sich ein Besuch lohnt, denn man bekommt Mucke satt in schönster Location auf der Donauinsel, und rundherum wartet eine der besten Städte der Welt auf Entdecker und Träumer. Habe die Ehre.

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Left Boy

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Die Toten Hosen

 

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