Helping Hands Allstars: ein großer Spaß für eine gute Sache

Helping Hands Allstars 2016 Band playing a cover song (photo copyright: Henry Schulz)

Am Samstag fand im Pfefferberg Haus 13 das zweite Helping Hands Allstars Benefiz-Konzert statt.

Die Idee: mehr als 50 eher unbekannte Berliner Musiker spielen in ständig wechselnder Konstellation 30 unvergessene Songs der Pop- und Rockgeschichte, wobei der gesamte Erlös des Abends an die Hilfsorganisation Sea-Watch fließt.

Was wir bekamen, war ein höchst unterhaltsamer Abend und eine wilde Reise durch 50 Jahre Musikgeschichte.

Lebensrettung an den Pforten Europas

Das Pfefferberg Haus 13 versteckt sich in einem Hinterhof an der Schönhauser Allee, unweit vom Senefelder Platz. Als ich um kurz vor halb acht eintreffe, gibt es draußen und im Eingangsbereich bereits einiges Gewirr. Musiker mit auf den Rücken geschnallten Gitarren laufen herum, in vielen kleinen Gruppen wird geredet.

Ein engagierter Student betreut den Informationsstand von Sea-Watch. Er war selbst schon an Bord eines der beiden Rettungsschiffe der humanitären Hilfsorganisation im Mittelmeer unterwegs. Sea-Watch lokalisiert Schlepperboote voller geflüchteter Menschen, die auf dem Meer ihrem Schicksal überlassen sind, und verständigt per Funk Küstenwache oder andere Hilfs-NGOs, die die Geflüchteten ggf. an Land bringen und mit erster Hilfer versorgen. Der Herr vor mir an der Kasse kauft ein Spendenticket und lässt den Lebensrettern damit den doppelten Eintrittspreis zukommen.

Gedankengang playing at Helping Hands Allstars 2016 (Photo copyright: Henry Schulz)Zum Auftakt etwas Selbstgemachtes

Der Konzertsaal füllt sich nach und nach, als sehr pünktlich um 19:30 Uhr die drei Jungs von GedankenGang (sprich: -Gäng) auf die Bühne spaziert kommen. Die erste Band des Abends ist die einzige, die auch außerhalb der Veranstaltung fest besteht und die eigene Songs spielt.

Sitzend, mit zwei Akustikgitarren und einem Cajón, spielt die Gruppe Akustik-Rock mit deutschen Texten. Manche der Riffs lassen ein wenig an Neil Young denken. Durch die immer vorwärts preschende Kistentrommel entsteht eine besondere Rhythmik. Mit immer wieder humorvollen Ansagen spielt sich die GedankenGang durch ihr knapp halbstündiges Set und überlässt dann die Bühne den nacheinander auftretenden Allstars.

Von Jimi Hendrix bis Fred Durst

Los geht es mit einer wahrlich heftigen Version von „Purple Haze“: eine zweite Gitarre, mehr Distortion und eine härtere Spielart, schon klingt es wie ein Metal-Song! Bewegend sind die beiden bald darauf folgenden Pink Floyd Hits „Comfortably numb“ und das in Album-Länge gespielte „Another brick in the wall“.

Aus den 60ern und 70ern geht es bald in die späten 90er und 2000er mit u.A. „Anna Molly“ von Incubus und „All the small things“ von Blink 182. Bei Limp Bizkits Hymne an einen beschissenen Tag, „Break stuff“, bildet sich ein ansehnlicher Mosh Pit. Das mit grandioser Stimme gesungene „Chop Suey“ von System of a Down kommt überraschend nah ans Original heran.

So entfaltet sich das bunte Repertoire und die über 50 Musiker geben sich in familiärer Atmosphäre die Klinke in die Hand – wer gerade noch auf der Bühne stand, besetzt im nächsten Moment die erste Reihe und ist gleich wieder Fan.

Helping Hands Allstars Concert (photo copyright Henry Schulz)Powerfrauen und Headbanger

Auch ein paar Damen singen an diesem Abend: der Beatles-Klassiker „Come together“ und Danko Jones’ „Had enough“ kommen in anderer Klangfarbe erfrischend anders und büßen dabei an Energie und Ausdruckskraft nichts ein. Beim ekstatischen, hoch gesungenen „Hysteria“ von Muse passt die Interpretation durch eine Frau gar wie die Faust aufs Auge.

Im nächsten Teil des Abends kommen die zahlreich anwesenden Metalheads auf ihre Kosten. Geboten werden u.a. „Lifer“ von Down, „Blinded by fear“ von At the Gates und auch über das Genre hinaus bekannte Hymnen wie Metallicas „Enter Sandman“ oder Motörheads „Ace of Spades“, bei denen einige wenige so wilden Pogo veranstalten, dass Teile des Publikums mit zwei Schritten nach hinten lieber auf Sicherheitsabstand gehen. Einen der wenigen ruhigen Momente des Programms bekommen wir mit der Nine Inch Nails Ballade „Hurt“.

Popsongs eine zweite Chance geben

Der gewagteste und interessanteste Auftritt des Abends ist der einer Gruppe, die sich – mitunter unausstehliche – Popsongs vornimmt und sie in neuem musikalischen Stil präsentiert. „Hit me baby one more time“ von Britney Spears (uha!) klingt tatsächlich als Reggea-Version gar nicht so schlecht! Die Interpretation von George Michaels „Careless whisper“ ist ebenfalls Reggea im Refrain, aber melodischer Metal in den Strophen. Und Kate Perrys „I kissed a girl“ ist als Punkrock-Version absolut zulässig.

Gemeinsam gegen rechts und für Flüchtlingshilfe

Nach diesem Exkurs werden wir dann zum Ende hin noch einmal mit Classic Rock versöhnt: „Sultans of swing”, „Born to be wild”, „Cocaine”, „Paradise City”. Das große Finale nach mehr als drei Stunden Show ist das von allen Allstars vorgetragene Ärzte-Cover „Schrei nach Liebe“, welches an die immer mehr Fuß fassende AfD gerichtet wird („Gruß“ nach Marzahn-Hellersdorf!) – ein politisches Statement im Sinne der Ausrichtung des Abends.

Review: Bastian Geiken
Fotos: Henry Schulz

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