„Die Trotzigen“ – Boris Schumatsky in der Kulturbrauerei

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Es war ein gelungener Auftakt in den Leseherbst (denn seien wir ehrlich, Draußenwetter wird jetzt erstmal eine rare Sache, wir tauchen in die dunkle Hälfte des Berliner Jahres ein…), am Dienstagabend im Palais der Kulturbrauerei. Etwa 40 Zuhörer hatten sich versammelt, um Boris Schumatsky zu lauschen, der im Rahmen der Reihe Literatur:Berlin seinen ersten Roman „Die Trotzigen“ vorstellte. Der führt die Leser/innen in die Vergangenheit, in die frühen 90er Jahre, zum Umbruch in Russland (und auch nach Berlin). In die Gefühlswelten, den Alltag und das Freiheitsbedürfnis junger Russen und Deutscher, als plötzlich alles anders war, alles möglich wurde.

Oder, wie der Untertitel auf dem Buchcover verrät: „Die Geschichte der Revolutionen der Anna Iwanowna und des Sascha Potjomkin zu Zeiten des Augustputsches und wie sie in Kohlenkellern und auf Barrikaden tanzen, vor Ämtern und auf die Liebe warten, miteinander reden und schlafen, von Moskau nach Berlin und wieder zurück.“ Das ist mehr Klappentext als Untertitel und hat etwas angenehm Altmodisches, wie es zusammenfasst, was man von diesem Buch erwarten kann.

Die große Geschichte im Kleinen

Was man ebenfalls erwarten kann, ist eine Erzählweise, die ganz nah heranzoomt und die große Geschichte im Kleinen erzählt. Boris Schumatsky las Passagen vor, in denen zum Beispiel die Wählscheibe eines Telefons der Angelpunkt ist, um den sich die Beschreibung einer Familie, einer Gruppe von Dissidenten dreht. Der fehlende Umschaltknopf am alten Fernseher. Oder ein Feld im russischen Pass, das es zu ändern gilt, wenn man Asyl beantragen will. Kreative Passfälscherei mithilfe von Küchenschaben.

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Und hier schaltete sich Russian Allstar Wladimir Kaminer ein, der zum Gespräch mit Schumatsky auf die Bühne gekommen war. Er gab eigene Erfahrungen mit Fälschern, Russen, Ausreisen zum Besten, verglich sein Russlandbild mit dem seines Gegenübers, und gab mit seiner unnachahmlich unumwundenen Art dem Abend nochmal zusätzlich Feuer. Bemerkte, dass ihm die Sowjetunion schwarz-weiß im Kopf geblieben sei, sie in Schumatskys Buch aber plötzlich beinahe erotisch erscheine. Das Erotische, so kamen beide überein, sei wohl am ehesten das Gefühl, das mit einem Mal alles möglich war, zwischen Panzern auf der Straße und dem Gefühl von Freiheit, die es zuvor nicht gegeben habe.

Sind die Russen die neuen Zigeuner?

In diesem kurzen Austausch auf der Bühne erfuhr man viel über beide Männer und ihre Sicht auf die Dinge. Das machte Lust, sowohl „Die Trotzigen“ zu lesen, als auch Kaminers Bücher nochmal näher in Augenschein zu nehmen. Eine spannende Frage warf Kaminer in den Raum: Werden die Figuren des Buches denn letztlich nirgends glücklich? Müssen sie immer weiter ziehen, weil sie aus Russland raus wollten, in Berlin aber auch nicht das fanden, was sie suchten, weil sie Heimweh hatten, zurück in Moskau aber auch nicht alles besser war? Und über das Buch hinaus projiziert fragte er: Sind die Russen die neuen Zigeuner, ewig getriebene Nomaden? Immer auf der Reise, auf der Suche? Er selbst erinnerte sich, „schon im Kindergarten“ bereit gewesen zu sein, auszuwandern, und Schumatsky ergänzte das mit Beobachtungen über russische Expats, die von Moskau nach Prag über weitere Stationen bis Hanoi oder Kambodscha pilgerten, immer weiter, nirgends dauerhaft blieben.

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Bleierne Stimmung

Lesung und Gespräch wurden gerahmt von Bildern und Filmausschnitten von Christiane Büchner, die das triste, fahrige, schwarz-weiße Russland um 1990 zeigten. Kaum etwas Greifbares, nur dröge Alltagsbilder von Straßen, Verkehr, kahlen Wohnungen in riesigen Wohnblocks: Eine bleierne Stimmung, bei der es kaum verwundert, dass der Aufbruch und Ausbruch aus dieser Welt „erotisch“ wirken muss, und sehr verführerisch.

„Die Trotzigen“ ist Boris Schumatskys erster Roman, erschienen im Blumenbar Verlag, aber der Mann ist auch Journalist, schreibt unter anderem für die NZZ und die Zeit, wird gern als Russland-Experte herangezogen. Und zwischen Fiktion und der Heiterkeit, die den Abend spätestens beim Gespräch mit Kaminer bestimmte, ging es natürlich auch um den Ernst der Realität, denn der Roman handelt vom Augustputsch 1991, und ein Vierteljahrhundert später hatten wir einen Juliputsch in der Türkei. Die Vorzeichen sind anders, aber die Fragen nach Freiheit, Dekokratie, Staatsmacht und Diktatur sind heute noch genauso aktuell, und heiter sieht die Welt heute gar nicht aus. In den Neunzigern, nach der Wende und dem Zerfall der Sowjetunion konnte man hier im beschaulichen Gartenzwerg-Deutschland noch glauben, dass die Zunkunft rosig und friedlich und solidarisch ist. Heute sieht das leider anders aus.

Link zum Buch: HIER

Link zu Literatur:Berlin (denn die machen noch eine Menge weiterer toller Veranstaltungen!) HIER

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