Review: The Hunger Moon – Burlesque aus Berlin

Mit über sechzig Gästen in edler Abendgarderobe eröffnete am vergangenen Wochenende das Full Moon Cabaret das Thema für den Februar: The Hunger Moon. Und wie nicht anders vom Full Moon Cabaret zu erwarten, war dieser ungewöhnliche Mond ein voller Erfolg!

Für jemanden, der mit Burlesque bis dato überhaupt nicht besonders vertraut gewesen ist, war es wie ein Sprung in den Kaninchenbau als ich im Berliner Freudenzimmer ankam. Eine Welt zu betreten, die so extravagant, verrückt und chic ist wie die, die das Full Moon Cabaret mit seinem Hunger Moon präsentiert hat, war nicht nur bis zur letzten Haarspitze aufregend sondern mit jedem zu entdeckenden Detail bei der liebevollen Dekoration des Raumes und gar an seinen Teilnehmern schlichtweg verzaubernd.

Ein Fenster in eine andere Zeit – mit Zylindern, Gehstöcken, Glitter und Abendkleid

Angefangen von der warmen Begrüßung bis hin zum Bestaunen der elegant gekleideten Gäste hatte ich das erste Mal das Gefühl zu erfahren, was es heißt klassisch ausgeführt zu werden. Es war als wäre man in eine andere, allem voran handyfreie, gar ein wenig vom Steampunk angehauchte Zeit versetzt und tatsächlich widmeten sich die thematischen Auftritte des Full Moon Cabarets diversen originell interpretierten Epochen, von denen jede im Laufe des Abends in einem eigenen Moment gewürdigt wurde. Angefangen bei der Antike über den Wilden Westen bis hin in die Gegenwart und gar die Zukunft, galt jeder Gang und jeder Auftritt rund um das Thema des Hunger Moon einem ganz besonderem Merkmal.  Dem, unseren Sinnen und natürlich dem Essen.

Eine paradiesische Insel aus Sexappeal und Sinnlichkeit

Der erste Eindruck zählt. Und im Falle des Hunger Moon war es neben der wundervollen Moderation seitens Viva Lamore eben dieser erste Eindruck, die Vorspeise, die dafür sorgte, dass die Gäste sich nicht mehr vom Tisch lösen konnten. Die bezaubernde Saralynn Van Doll wurde von Hikaru Inagawa an den Tisch geführt und unter einem wahrlich eindrucksvollen Butoh-Tanz seitens Hikaru Inagawa von Ines Lauber, die für das Essen des Abends zuständig gewesen war, zur Vorspeise gekürt. Bedeckt mit köstlichem, farbenfrohem Obst, Tartelettes und Crudité diente Saralynn Van Doll wohl als der schönste und sinnlichste Teller, den ein Menü sich nur wünschen kann.  Kaum einer der Gäste wagte sich zunächst zu rühren und dieses Kunstwerk zu stören, bis die ersten Mutigen sich erhoben und die Aufregung Begeisterung wich.

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Einer der besten und aufregendsten Monde des Full Moon Cabaret

A lot of problems can be solved if people just got together and had desserts. Or better yet, if they baked a cake together. And then smeared it on each other’s bodies and licked it off.”

In einem Interview hatte Viva Lamore einst diese Worte genutzt und mit ihrem Humor den Kern, den etwas ernsteren getroffen, welcher auch ein Teil des burlesque-schen Lifestyles ist. Wenn man von dieser Prämisse ausgeht, dann hat der Hunger Moon genau das erreicht, denn er hat die unterschiedlichsten Menschen an jenem Abend zusammengebracht und gezeigt, dass all die Unterschiede, Vorlieben, Abneigungen und Interessen gar nicht zählen und dass wir trotz allem zusammenfinden und miteinander Spaß haben können. Die Geschwindigkeit, mit der dieses Gefühl der Vertrautheit und die angenehme, intime Atmosphäre geschaffen wurden, war einmalig und zeigte eine Sache auf: Es kann so einfach sein. Warum es nicht in den Alltag übertragen?

 

Es ist wohl aber auch dieser besondere Zauber einer gelungenen Burlesque-Show, welcher den Menschen nicht die Illusion gibt keine Sorgen zu haben sondern ihnen tatsächlich diese nimmt und die Unterschiede zwischen ihnen verschwimmen lässt. Wenn ich so zurückblicke, kann ich mich nur immer wieder wundern, wie vielfältig und teils auch tiefgreifend so ein Abend gewesen ist, an dem vor mir eine in Obst gekleidete Schönheit gelegen hatte, während der Raum angefüllt mit roten Blumen, glitzernden Abendkleidern, dezentem Parfüm  und lachenden, sich bis dahin völlig fremden Menschen gewesen ist. Menschen, die sich im realen Leben vielleicht niemals angesprochen, sich aber mit Sicherheit nicht so schnell einander geöffnet hätten.

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Geselliger Glamour mit hungrigem Blues

Der Hauptgang wurde mit einer Wild West-Einlage eingeleitet, die neben den herrlichen Kostümen auch den herrlich unbefangenen Humor und die ganz spezielle Unverfrorenheit des klassischen Cabaret spüren ließ. Angekündigt waren Spaghettoni Récamier Rouge, Rococo und Vert und tatsächlich wurden diese auch auf dem Tisch drapiert. Auf dem Tisch, ohne Teller und barfuß. Es hatte etwas sehr Eigenes, Zauberhaftes wie die Frauen um die Gäste am Speisetisch herumtänzelten – leichtfüßig mit einem angedeuteten Lächeln und immer im schwach gedimmten Licht des Freudenzimmers. Fast wirkte diese Szenerie wie ein kleines, geheimes Fest auf einer vergessenen Lichtung im Wald.

Mit  Saudia Youngs Stimme begleitet von einer Akustikgitarre war die Musik mindestens so gut gewählt wie die Kostüme. Schwermütig, gewaltig und immer auch ein wenig anrüchig tönte ein kräftiger Blues durch den Saal, die Gastgeberinnen mischen sich unter die Gäste und es gab niemanden mehr, der einem der anderen sechzig Gäste nicht mindestens zugenickt hatte.

Politparodie, Gemüse und ein lebendig gewordener Comicstreifen

Zwischen all dem Spaß des Abends, dem Humor und der lockeren, gute Laune verbreitenden Stimmung gesellte sich nach der Hauptspeise etwas Wehmut hinzu, denn obwohl die Show bereits knapp anderthalb Stunden andauert, können die Gäste nicht genug bekommen. Wer das Programm des Hunger Moon studiert hat, erfuhr jedoch sogleich, dass neben dem Essen und den Sketchen, die mit frivol überzogenen Gesten und Sexappeal spielten, noch zwei Punkte auf der Tagesordnung standen, welche kurz vor dem Dessert auch erfüllt wurden: Die Live-Comic-Darstellung und ein Gewinnspiel.  Beide Momente waren so einzigartig, dass man sie erlebt haben muss, um all ihren Charme und insbesondere auch die vom Publikum gezeigte Berliner Spontanität aufzunehmen.

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Burlesque: Die Sache mit den Federn

Wenn man Burlesque hört, so kommt einem ohne Umschweife zwei Sachen in den Sinn: Schöne Frauen und Federn. The Hunger Moon setzte mit dem Dessert nicht nur darauf, sondern legte mit dem Auftritt der Burlesque-Ikone Hazel Honeysuckle einen oben drauf. Die köstlichen, bunten Cupcakes von Cupcake Berlin schmeckten sicherlich vorzüglich, konnten aber der aus einer Torte steigenden Hazel Honeysuckle nicht annähernd gerecht werden. Mit ihrem Tanz nahm die New Yorkerin den gesamten Raum und jede einzelne Person gänzlich für sich ein. Mit ihrem einzigen Deutschlandauftritt, ihrem phänomenalen Kostüm, dem Gold, den Federn, ihrem strahlenden Lächeln und den grazilen Bewegungen setzte Hazel Honeysuckle die Grenzen neu und leitete unter gleichzeitiger Verabschiedung vom wohl sinnreichsten und attraktivstem Essen des Jahres die darauffolgende Party ein.

 

 

 

Artikel von: Nina Zakrew

Fotos von: Nora Novak und Antonio Castello

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