Vaudeville Variety im Tipi – Rücklick in eine wunderschöne Zeit

Third Vaudeville Variety Revue in the Tipi am Kanzleramt

„Gott sieht uns so gern lachen, auch wenn unser Herz weint. So lasst uns das Glas erheben auf das Glück, die Liebe und das Leben.”

Worte, gesprochen von der zierlichen Sharon Brauner, bevor eines ihrer jiddischen Liebeslieder über unsere Köpfe hinwegfliegt. Zart, heftig. Ja, sehnsüchtig auch. Zu gern erhebe ich mein Glas mit dem leise dahin perlenden Prosecco. “L’Chaim“ sagt Sharon. Auf das Leben.

Im Rausch der goldenen 20iger Jahre

Acrobatic – Burlesque – Boylesque – Cabaret – Performances – Vintage Market: Das TIPI Zelt umfängt mich vom ersten Moment an mit seinen schönen roten Farben und ich verliere mich sofort im Rund des Raumes. Ich hatte für den Abend ein dunkelgrünes Kleid aus der zu feiernden Zeit gewählt, das kleine Hütchen festgesteckt auf dem extra frisch gewellten Haar und die Minitasche aus Tüll in der Hand, natürlich auch die lange Perlenkette.

So wenig körperbetont diese einfach geschnittenen Kleider mit der tiefsitzenden Taille sind, so sehr glamourös fühlt man sich doch in ihnen. Der gerade Ausschnitt zeigt viel kühle Schulter, der Stoff aus Samt und Seide und mit Perlen besetzt fühlt sich so sanft und verführerisch an auf der nackten Haut. Kam ich mir auf dem Weg hierher noch vor wie komplett verkleidet, so verlor sich dieses Gefühl hier im TIPI Zelt recht schnell.

Miss Banbury Cross

Miss Banbury Cross

Damen und Herren, Boys and Girls, Dandys und Femme Dandys, glitzernde Vögelchen und gestrenge Maskeraden

Ich tauchte ein in eine Welt erfüllt von Leidenschaft, sehnsüchtiger Gedanken, Spielerei und Gauklerei, versteckter Traurigkeit und dem trotzig zur Schau getragenen Mut zum Leben. Ich sah die so bekannten tiefroten Schmollmünder, ich vernahm die leichten Worte und das zu laute Lachen. Über allem lag die Tanzmusik einer vergangenen Zeit, leicht kratzig und die Rhythmen immer etwas verschwimmend.

Die Welt der goldenen 20iger Jahre. Konjunkturaufschwung, Wirtschaftswachstum, Blütezeit der deutschen Kultur, Kunst und Wissenschaft. Ein tiefer Zwiespalt zwischen Arm und Reich. Und nach dem Niedergang von Strenge, Enge und Spießbürgerlichkeit der Weimarer Republik gab es nun die Emanzipation der Geschlechter, Frauen in Hosenanzügen und freimütig zur Schau gestellte Bedürfnisse. Man vergnügte sich offen und in Massen, möglich gemacht durch die rasante Entwicklung der neuen Medien. Die Zeit war schrill und bunt, ungeschönt und nackt, laut und frivol.

Die unglaubliche Lebenslust steigerte sich oft in den triebhaften Rausch

Nur zu gern trat man einen Schritt zu weit über den Abgrund, sich ganz und offen der so unbekannten Lust am Leben hinzugeben. Der biedere Mann kehrte regelmäßig zurück in sein biederes Leben. Der von der neuen Zeit in den Bann gezogene, doch oft belächelte, tragische Beau lebte weiter seinen Traum von Freiheit, unbändiger Fröhlichkeit und Selbstzerstörung.

Noch 30 Minuten bis zur Show

Die Dame vom Eingang platziert mich auf einem der eng gedrängten Stühle an einem kleinen Tisch im Mittelteil des Zeltes.

Ich finde mich zwischen einem sehr intensiv flirtenden Damenpärchen – die eine ganz streng im Hosenanzug und die andere im geradezu unanständigen Nichts – und zwei zuckersüßen Boys, die leider auch nur Blicke füreinander haben.

So sehe ich mich um und beobachte die Ruhelosigkeit zwischen den Tischen und Gängen und auf den quer stehenden Stühlen. Ich schaue auf die Schönen und weniger Schönen mit den eleganten oder frivolen Kleidern aus diesen legendären Jahren und vermisse ein wenig die Zigarettenspitze zwischen den geschminkten und manchmal hochmütig gespitzten Lippen. Sie alle haben sie sich äußerlich zu dem verwandelt, was sie am heutigen Abend gern sein möchten. Doch ich ahne, dass der eine oder andere wie ich dieses Lebensgefühl ganz in seinem Herzen trägt. Natürlich gibt es auch zahlreiche Besucher, die sich so gar nicht dem Geist der Zeit angepasst haben, aber man kann sie gut ausblenden.

Die noch schwarz gehüllte Bühne offenbart nur einen Flügel und zwei silberne Pumps, sie hält sich noch zurück in ihrer Präsenz.
Ich bestelle bei den wirklich flinken Kellnern ein Glas Prosecco der Marke Burlesque und ein paar Käsehäppchen, die lassen sich doch halbwegs elegant durch den Tüll vor dem Hütchen essen. Eine Stimme aus dem Hintergrund erinnert uns an unsere zwingende Bestellung vor Showbeginn, um das dann laufende Programm nicht zu stören.

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Sheila Wolf, Foto: Magnus

Doch Sheila Wolf selbst straft die Worte nur wenige Minuten später Lügen und verwandelt damit das Zelt zu einem der Showpaläste der früheren Zeit, als man ungehemmt und nicht immer strengen Regeln folgend einfach nur exzessiv feierte. Also servierten die Kellner auch während der Show Glas um Glas, brachten Flasche für Flasche vom prickelnden Burlesque.

Gäste kamen und gingen und es war ein beständiges Auf und Ab, das aber nicht im Geringsten das Fluidum störte. Im Gegenteil, erst so wurde es so lebensnah, so echt, so richtig.

Die Vorbereitungen auf der Bühne begannen. Immer wieder ging der hintere Vorhang auf und zu und eine der so herrlich kokett gekleideten Assistentinnen trug noch etwas herein und eine andere es wieder heraus und über all dem lag die Fröhlichkeit ihres Tuns.

Bühne frei für unbändige Lebensfreude

Der Showbeginn so aufregend wie er sein soll: Sheila Wolf entsteigt schneeflöckchengleich und dramatisch und natürlich mit ihrer unvergleichlichen Stimme ein Lied hauchend aus einem durchsichtigen Ballon. Ihre dann so herzlich unverblümte Art, mit dem Publikum in Kontakt zu kommen, lässt die letzten Schranken noch verbleibender Zurückhaltung fallen. Die Bühne, die Künstler und wir hier unten in unseren Stühlen werden eins in unserer Feier des Lebens. Sheila Wolff und Reuben Kaye, der Conferencier des Abends, tauchen regelrecht ein in die ihnen zu Füßen liegenden Menschen, sie agieren mit ihnen zu jeder Zeit.

Nie, ohne den gewissen Abstand zu wahren, doch tief genug um jeden von uns glauben zu lassen, sie wären einer von uns. Ich will nicht all die Lobeshymnen wiederholen, die die Presse auf den genialen Kaye gesungen hat. Sie stimmen alle!

Kaye hat mich in jeder Sekunde in seinen bitterkomischen und halbseidenen Bann gezogen

Sein feiner und oft bitterböser Humor war durch das muttersprachliche Englisch leider nicht für jeden zu verstehen, doch allein seine Körpersprache dürfte ihren Teil zur Verständigung beigetragen haben. Wie er sich windet und mit sich selbst posiert, wie er sich selbst umschmeichelt und Lob einfordert. Doch er lässt uns nur glauben, er suche seine Bestätigung im Publikum: er ist sich seiner Großartigkeit sehr wohl bewusst und lässt uns freimütig teilhaben daran.

Ja, er ist genial und in jedem Fall der imposanteste Star an diesem Abend.

Seine Garderobe wechselt ständig. Mal ist es ein hautenger weißer Glitzeranzug, mal eine Kombination in Rot und Schwarz und Straß und mal ein weit schwingender Umhang ganz in Gold. Exzentrisches Markenzeichen ist der lange Schweif an seinem Mikrofon, stets gehalten in den Farben der gerade präsentierten Garderobe. Ich habe ihn in der Pause beobachtet. Ein wenig der Bühneneleganz fällt dann ab, er ist aufmerksam und parliert ungehemmt mit den sich um ihn Drängenden. Und immer wieder der etwas trotzig und schmollend vorgeschobene Unterkiefer und das teuflische Funkeln in den Augen.

Zwischendurch – die Gute Tat

Bereits zu Beginn angekündigt von Sheila Wolf wurde die Tombola mit den 10 frivolen Preisen. In der Pause und auch noch kurz vor der Auslosung drängeln sich die Menschen mit Geldscheinen in der Hand um das zuckersüße Candygirl. Der Erlös geht an mob e.V. – Obdachlose machen mobil und Straßenfeger. Respekt, eine gute Wahl in dieser Stadt. Die Gewinner sind ausnahmslos glücklich, nur der sehr bieder aussehende Herr mit dem schütteren grauen Haar lacht eher verzweifelt als froh über die ihm überreichte, zwei Wochen Spaß verheißenden Toy-Box von Amorelie. Aber vielleicht täusche ich mich ja auch.

Die Show geht weiter

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Jack Woodhead, Foto: Paul Green

Die einzelnen Darsteller sind genial, jeder für sich allein. Die Zusammenstellung nahezu perfekt. So amüsieren wir uns über das kindliche Hin und Her von VELMA VON BON BOND auf ihrem überdimensionalen rosafarbenen Pelikan (oder ist es ein Strauß?), bewundern die artistische Höchstleistung auf dem Trapez der so bieder daherkommenden MAIERS, sind entzückt über den erotischen Liebestanz der WANDA DE LULLABIES mit ihrem Monster. Heißer die Blicke der Männer und Frauen dann auf MISS BANNBURY CROSS im Marylin Outfit, die am Ende ihrer Vorstellung völlig ungehemmt mit dem aus der Proseccoflasche spritzenden Sprudel spielt. JACK WOODHEAD begleitet sich selbst am Flügel bei seinem zuckersüßen Lied über seine Tage von Montag bis Sonntag. Er hat es für einen Mann geschrieben, den er im KitKatClub kennengelernt hat … GINGER SYNNE als Feuerdämon rockt die Bühne zu der so grausam hämmernden Musik „Motherfucker“. Doch auch diese Nummer ist genial und stimmig im Gesamteindruck.

Ein ungewohnter Schlussakkord brachte uns näher an die heutige Zeit und doch nicht weg aus unserem Rausch:

Sheila Wolf hatte Marius Müller-Westernhagen unter den Gästen entdeckt

Vaudeville-Variety-Revue

Sheila Wolf, Foto: Magnus

Ungehemmt mit dem Mikrofon agierend verlängerte er unsere Ekstase mit seinem Hit „Sexy!“. Die Massen sind wild und laut, sie klatschen und toben, sie wollen mehr und sind dann doch müde nach diesen Stunden in einer so anderen Welt. Nicht wenige entspannen sich noch im Foyer bei einem weiteren Glas Köstlichkeit, bei Gesprächen mit den Künstlern und beim Stöbern in den kleinen burlesquen Zubehören auf dem Vintage Market.

Zurückfallen in das Jetzt

Irgendwann tief in der Nacht stehe ich einsam auf der schneebedeckten Straße vor dem TIPI, der Tiergarten gleich gegenüber strahlt zu hell und durchsichtig in all dem Weiß. Es ist menschenleer. Das TIPI hat mich ausgeworfen aus seiner bunten Glitzerwelt. In fühle die Ernüchterung, die einen überkommt, wenn man zu plötzlich aufwacht aus einem lang anhaltenden, betäubenden Übermut. Ich bin hineingefallen in meine Zeit und frage mich einmal wieder aufs Neue: ist das wirklich meine Zeit?

Text: Le Salon ElodieElodie ist unterwegs in Berlin und immer auf der Suche nach dem besonderen Moment. Das können schöne Orten, kostbare Erinnerungen, bedeutende Augenblicke, Berührungen oder Ereignissen sein. Aber natürlich zählen auch oft ganz zauberhafte Menschen dazu. In ihrem Blog Le Salon Elodie schreibt sie über diese so vielfältigen und besonderen Begegnungen.

Mia Morris is co-founder of indieberlin and a Berlin native. She has been active in the Berlin arts scene since the early zeroes as photographer and visual artist, also under the name Funkyrotic. Mia Morris also runs ocular-online.de which specialises in SEO marketing and website optimisation.

1 Comment

  • Reply January 24, 2016

    Hartmut

    Ein sehr schön geschiebener Artikel, man(n) fühlt sich mittendrin in dem Geschehen und bedauert nicht dabeigewesen zu sein. Vielen Dank!

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