Sheila Wolf: Ich fliege eben unterhalb des Gesellschaftsradars

Vaudeville-Variety-Revue

Sheila Wolf ist ein Berliner Orignal und auf den Bühnen in Berlin, Deutschland und Europa zuhause. Privat Vater einer Tochter, auf der Bühne Burlesque Diva und Show Lady, produziert der Szene Star Sheila Wolf mit der Vaudeville Variety Revue eine eigene Show, die im Juni zum zweiten Mal im TIPI am Kanzleramt zu sehen ist.

Wir haben mit ihr über ihre Vorlieben auf der Bühne und in der Mode, ihr Leben vor und hinter der Bühne, über Berlin und das Schockieren im Auftritt gesprochen und sind wieder einmal begeistert von dem Charme und der Offenheit dieser Performerin.

 Sheila Wolf im indieberlin Interview

Sheila Wolf in white dress and revolverindieberlin: Wir kennen Dich auf der Bühne als Sängerin der Teaserettes, Master of ceremony, Burlesque Diva und Show Lady. Gibt es eine Rolle oder eine Performance, die für Dich besonders heraus sticht, in der Du Dich am wohlsten fühlst?

Das ihr mich kennt, ehrt mich wirklich!! Ich freue mich immer, wenn Menschen an mich herantreten und das gut finden, was ich so kulturell verzapfte. Allerdings würde ich nicht so weit gehen und ein Publikum mit meinem Gesangstalent quälen. Das sollen andere tun ;)… ansonsten bin ich am liebsten als Moderatorin und Performerin auf den Bühnen Europas unterwegs. Ich liebe es, neue Menschen aus der kreativen Vaudeville/Burlesque Szene zu treffen und neue Orte kennen zu lernen. Abgesehen davon hatte ich auch viel Spaß vor der Kamera und würde mir wünschen, auch da mal wieder mehr zu machen.

Mein Alter Ego gehört zu meinem Leben

indieberlin: Und hinter der Bühne bzw. nach Deinen Shows, legst Du mit dem Outfit und der Schminke zuhause auch einen Teil der Sheila Wolf ab?

sheila-wolf-photo-by-magnus-in-blue-dressDa das Anmalen zwischen 2-3 Stunden dauert, wäre es eine Schande, das gleich nach meinem Auftritt wieder abzuwaschen. Oftmals verbinde ich meine Auftritte mit anschließendem Partyhopping, obwohl das in den letzten Jahren doch wirklich weniger geworden ist. Ich bin halt jetzt in dieser Altersgruppe zwischen 40 und Tod… da wird man schon etwas ruhiger. Abgesehen davon gehört mein Alter Ego schon zu meinem Leben. Die Grenze verschmilzt zusehens und das ist auch gut so. Als Vater einer Tochter gibt es aber immer noch viele Gelegenheiten, die gelockten Dutts und lackierten Nägel in der Schublade zu lassen.

Queerlesque ist meine Interpretation der Vielfalt des Burlesque

indieberlin: Was genau ist eigentlich Queerlesque? Was erwartet einen Zuschauer, der sich nicht in der Berliner Burlesque und Travestie-Szene auskennt auf einem solchen Event?

Queerlesque ist meine Marke und meine Interpretation der Vielfalt des Burlesque. Ich habe nach nunmehr 10 Jahren vor und auf der Bühne unzählige Shows gesehen und bin zu der Erkenntnis gelangt, dass es viele sehr bunte Künstler gibt. Es sind nicht nur immer die Frauen, die sich im Stile von Dita von Teese elegant entkleiden, sondern viele spannende Acts von Menschen jeden Geschlechts. Ich liebe einfach die Vielfalt – die Mischung als Cabaret, Burlesque, Boylesque und Artistik. Ich denke nur so kann man einem Publikum vermitteln, dass es um weit mehr geht als „nur“ um das ausziehen. Genau dieses Konzept hab ich mit der VAUDEVILLE VARIETY REVUE umgesetzt und letzten November in der Erstausgabe im Admiralspalast erfolgreich in Szene gesetzt.

Ich freue mich, wenn jemand gut angezogen ist aber Bedingung ist das nicht

indieberlin: Am 06. Juni veranstaltest Du im TIPI am Kanzleramt die VAUDEVILLE VARIETY REVUE. Worauf dürfen wir uns einstellen? Kann jeder kommen oder richtet ihr euch an die Berliner Burlesque-Szene? Gibt es einen Dresscode?

Naaaa aber klaaaar… Ich bitte sogar darum, dass JEDER und JEDE einen Blick riskiert. Natürlich liebe ich all die Freunde aus der Berliner Burlesque Szene, einige sind mir auch sehr ans Herz gewachsen, doch wenn ich ehrlich bin, freue ich mich auch, wenn es neue Menschen ins wunderschöne TIPI am Kanzleramt zieht. Ich denke gerade der Ottonormal Besucher oder Tourist bekommt eine ordentliche Portion hochkarätige Unterhaltung jenseits des Erwarteten. Eine Mischung aus Comedy, Artistik, Gesang, schönen Frauen und Männern und ein paar SHOCKING MOMENTS… Flyer_Vaudeville_Variety_RevueUnd natürlich freu ich mich, wenn jemand gut angezogen ist aber Bedingung ist das nicht. Wir sind keine Bohème Sauvage, die ich an dieser Stelle als herausragende Zeitreise in die ROARING TWENTIES immer wieder gerne besuche und wo man ohne entsprechendes Styling nicht reinkommt.

indieberlin: Hast Du schon einmal jemanden richtig schockiert?

Ja… vor genau 10 Jahren meine Frau… Sie war anfangs voller Ängste und Befürchtungen. Auch heute noch geht ihr der Rummel um mein Alter Ego manchmal auf den Sack aber im Grunde hat sie verstanden, dass es für mich ein Ventil der Kreativität ist und kein Fetisch. Obwohl ich mich oft dabei ertappe, neue Outfits und Kostüme zu suchen… ein bissl Besessenheit steckt dann wohl doch drin. Ach und natürlich liebe ich die Kostüme jenseits des Charakters Sheila Wolf… als Gremlins Frauchen, Borg Königin oder auch im Avatar Mädchen. Das schockiert dann schon manch einen Kerl, der denkt dass dort letztendlich eine Frau druntersteckt.

Ich wurde schon oft angefeindet

indieberlin: Bist Du schon einmal aufgrund des Transgenders angefeindet worden? Wie gehst Du mit Kritik um? Hast Du vielleicht einen Tipp, für diejenigen, die sich nicht so wohl in ihrem Körper fühlen?

Ich sehe mich in der Regel eher als Frauendarsteller. Selten überziehe ich das Make-up in Richtung einer Dragqueen, möchte aber auch nicht in der Masse untergehen wie eine Frau mit transsexuellem Hintergrund. Die Schubladen der Trans* Gesellschaft sind vielfältig und ja, ich wurde schon oft, sowohl aus der Trans* Gemeinschaft als auch aus der restlichen Gesellschaft angefeindet. Transfrauen werfen Menschen wie mir vor, mich zu sehr in die Öffentlichkeit zu drängen und den „schweren“ Weg vorübergehend verlassen zu können. Das stimmt absolut – dennoch fühle ich mich nicht im falschen Körper und somit geh ich den Weg, der sich für mich richtig anfühlt.

Ich fliege eben unterhalb des Gesellschaftsradars

Und der Weg, der sich für mich richtig anfühlt, das ist eben die Öffentlichkeit, die Red Carpets, die Bühne und die damit verbundene Aufmerksamkeit, die man bekommt. Aber auch dort bekommt man natürlich befremdliche Blicke und ab und zu einen bösen Kommentar. Doch in der Regel lächle ich das weg und stöckle freundlich drauf zu… um den Leuten zu zeigen, dass ich kein Freak bin – nur eben unterhalb des Gesellschaftsradars fliege.

indieberlin: Du bist ein Berliner Orignal. Was macht Berlin für Dich aus? Wo würdest Du leben, wenn Du nicht in Berlin zuhause wäret?

Japp, ich gehöre zur aussterbenden Rasse der Originale … mit Herz und Schnauze. Berlin ist für mich Freiheit, Unabhängigkeit, Diversität und vor allem Aufbruch. Nirgends kann man seinen Wunsch auf Vielfalt so entfalten wie in dieser Metropole. Wenn man mich ausweisen würde, könnte ich nur noch in New York leben und irgendwann mal im hohen Alter in Lissabon. Beide Städte haben unterschiedliche Vorzüge und ganz viel Kultur und ohne Kultur kann ich leider nicht leben.

Vintage und Pin-up haben mich seit meiner Jugend begleitet

Sheila_Wolf_by_Krizzi-with_leo_outfitindieberlin: Du betreibst ja auch das Fashion Magazin Burlesque-Fashion, das sich mit Rockabilly, Vintage, Pin-up oder Latex Fashion beschäftigt. Hast Du einen einfachen Tipp für Einsteiger, die nicht gleich das komplette Diven-Outfit anziehen möchten? Womit fängt man styling-mäßig am besten an?

Ja, Burlesque Fashion war immer ein Teilbereich meiner Queerlesque Kolumne und irgendwann wurde das Interesse so groß, dass ich diese Kategorie ausgegliedert habe. Vintage und Pin-up haben mich seit meiner Jugend begleitet. Ich war als Jugendlicher RocknRoller immer auf entsprechenden Konzerten und bei der Entwicklung meiner Figur Sheila Wolf hab ich lediglich auf die Sinneswahrnehmungen von damals zurückgegriffen. Dabei dreht sich alles um ein hohes Maß an Detailverliebtheit und Geschmack. Das wichtigste beim Styling ist eine anständige Frisur. Natürlich gehört ein leichtes Make-Up dazu und mit einem Pencilkleid kann man auch kaum etwas falsch machen.

indieberlin: Gibt es neben der Vaudeville Variety Revue weitere Shows, auf denen wir Dich zeitnah erleben können?

Ich bin z.B. am 14.-15.5. auf dem 2. Boylesque Festival und auf dem Lifeball in Wien, beim Amsterdam Burlesque Award im November und werde ab August wieder jeden ersten Samstag mit meinen Teaserettes im Wildatheart in Kreuzberg auf der Bühne stehen. Ausserdem hoffe ich natürlich, dass es eine dritte Ausgabe der Vaudeville Variety Revue Ende November im TIPI am Kanzleramt in Berlin geben wird.

Vielen Dank und viel Erfolg weiterhin! Und an alle interessierten indieberlin Leser: Wir verlosen natürlich zeitnah auch Freikartenfür die Vaudeville Variety Revue.

Interview: Mia Morris / Fragen oder Anmerkungen? Hinterlasst einen Kommentar!

Hier geht’s zu Sheilas Website.

Photos:
Grünes Header Foto: Berserker
Weißes Outfit mit Revolver: Natalie Herlinghaus
Blaues Outfit im Waschsalon: Magnus
Lila Haare und Leo Outfit: Krizzi

Mia Morris is co-founder of indieberlin and a Berlin native. She has been active in the Berlin arts scene since the early zeroes as photographer and visual artist, also under the name Funkyrotic. Mia Morris also runs ocular-online.de which specialises in SEO marketing and website optimisation.

1 Comment

  • Reply May 21, 2015

    Jens Schommer

    Ich höre & lese so viel über VAUDEVILLE VARIETY… und liebe es.

    Gerne würde ich diesen Special-Event besuchen… und leidenschaft gerne die Veranstaltung photographisch dokumentieren…

    http://www.jensschommer.de

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